Veranstaltungsberichte


Buchpräsentation in Znaim


Am 14. August 2018 fand in der Kreisstadt Znaim die Buchvorstellung der Neu-erscheinung in tschechischer Sprache „Kreis Znaim Südmähren. Die Vertreibung der Deutschen aus der Heimat 1945-1946“ statt.

Wie zuvor bereits in den anderen südmährischen Heimatkreisen plante auch der Heimatkreis Znaim die Herausgabe eines Buches, das die Schicksale der Landsleute bei der Vertreibung aus der Heimat in Zeitzeugenberichten aufzeichnete. Nach Fertigstellung des vierten Bandes in der Reihe der Vertreibungsberichte aus Süd-mähren und Südböhmen im Jahr 2017 wurde das Buch wie schon in den Heimat-kreisen Neubistritz und Nikolsburg nun auch im Heimatkreis Znaim in tschechischer Sprache aufgelegt. Nach gut einem Jahr an Vorbereitungen konnte die tschechische Ausgabe der Znaimer Vertreibungsberichte nun am 14. August 2018 in Znaim in der Znaimer Beseda (Vereinshaus), einem aufwändig restaurierten, ansehnlichen Gebäude am Unteren Platz (Masarykovo náměstí), im dortigen Stucksaal der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Dank des unermüdlichen Einsatzes von Dr. Jiři Kacetl vom Znaimer Verschönerungs-verein, Historiker im Südmährischen Museum Znaim und Gemeinderat in Znaim, konnten die Hürden bei Sprache, Genehmigung und Organisation bestens gemeistert und gleichzeitig ein Netzwerk zahlreicher Verbindungen genutzt werden, um das Buch im Rahmen einer Buchpräsentation der Znaimer Öffentlichkeit, den Organisationen in Znaim und Umgebung und der Znaimer Presse (mit Presse-berichten in allen drei Znaimer Zeitungen) vorzustellen. Zur Buchpräsentation selbst wurden die Bürgermeister und Räte der Stadt Znaim sowie die Bürgermeister aller heutigen 72 Gemeinden des früheren Kreises Znaim persönlich angeschrieben und mit je einem Buchexemplar zur Buchpräsentation eingeladen.

 

Vor der Veranstaltung in der Znaimer Beseda fand der traditionelle deutsche Gottesdienst in der Znaimer St.Niklas-Kirche statt. Die Anzahl der Gläubigen und der Landsleute war dort bereits erfreulich hoch. Der Einladung zur Buchpräsentation folgten sodann weit mehr als 100 Personen, darunter eine erfreulich hohe Zahl an interessierten jungen Besuchern. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch einen jungen aufstrebenden Pianisten aus Znaim mit klassischen Musikwerken am Flügel. Eine Powerpoint-Präsentation zeigte während der Veranstaltung einzelne Orte des Heimatkreises Znaim und gab Randinformationen.

Kreisbetreuer Wolfgang Daberger konnte zahlreiche Gäste namentlich begrüßen, darunter die beiden Vizebürgermeister von Znaim, Mag. Jan Blaha und Ing. Jakub Malačka, Stadträte und Gemeinderäte aus Znaim, Bürgermeister, Vizebürgermeister und Gemeindevertreter aus dem Kreis Znaim, darunter Bürgermeister Mag. Tomaš Třetina aus Mährisch Kromau, Bürgermeister Ing. Milan Jenšovsky aus Klein-Teßwitz, Bürgermeisterin Mag. Lenka Hodaňová aus Damitz, Bürgermeisterin Ing. Barbora Arndt aus Socherl, Vizebürgermeister Mag. Rostislav Rucki aus Selletitz, Gemeindevertreter aus Rausenbruck, ferner aus dem angrenzenden Nieder-österreich Vizebürgermeister Alfred Kliegl aus Retz und Oskar Sollan für die Stadt-gemeinde Poysdorf sowie für die Stadt Geislingen Dr. Karin Eckert. Für die Geistlichkeit nahmen Dekan Mons. Jindřich Bartoš aus Znaim und P. Andreas Brandtner, Prior im Prämonstratenser-Chorherrenstift Geras/NÖ. und Pfarrer von Langau/NÖ., teil.

Zahlreiche Landsleute aus Österreich und aus Deutschland sowie deren Nach-kommen aus dem Heimatkreis Znaim und darüber hinaus waren ebenfalls gekommen, um an der Buchpräsentation in der Kreisstadt Znaim teilzunehmen, darunter der Sprecher der Südmährer Franz Longin und für die südmährischen Landsleute in Österreich Dkfm. Hans-Günter Grech, Gerhard Zeihsel und Dr. Manfred Frey. Ein besonderer Dank galt den Mitgliedern des Znaimer Ver-schönerungsvereins um Dr. Jiři Kacetl für die Mithilfe und Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung.

Als offizielle Vertreter der Stadt Znaim sprachen die beiden Vizebürgermeister Mag. Jan Blaha und Ing. Jakub Malačka sowie der Sprecher der Südmährer Franz Longin jeweils Grußworte. Dr. Elke Krafka, Kulturbeauftragte des Südmährerbundes, referierte über die Entstehung der Vertreibungsbücher und über die vorliegende Znaimer Buchausgabe. Abschließend berichteten Franz Longin und Josef Vlasák, Heimatforscher in Znaim und Ehrenbürger von Znaim, als Zeitzeugen über ihre Gedanken und Erlebnisse zur Zeit der Vertreibung. Dank der Übersetzungen von Dr. Magdalena Havlová aus Brünn konnten alle Beteiligten dem Festakt unmittelbar folgen. Die Veranstaltung wurde mit klassischen Musikwerken bekannter Kom-ponisten umrahmt, was dazu beitrug, dass die Buchpräsentation sich recht kurzweilig gestaltete. Kreisbetreuer Wolfgang Daberger beendete den offiziellen Teil der Veranstaltung mit dem Dank an die Podiumsteilnehmer und einem kleinen Präsent und lud alle Gäste zur anschließenden Begegnung und zum Gedankenaustausch bei Brot und Wein ein. Viele gute Kontakte für zukünftige Projekte konnten dabei geknüpft werden.

Sehr großes Interesse zeigten die Besucher der Veranstaltung an der vorgestellten Neuauflage des Buches, das vor Ort bereits in zahlreichen Exemplaren Abnahme fand. Die tschechische Ausgabe der Vertreibungsberichte wird auch in der Znaimer Buchhandlung Comenius zum Verkauf angeboten und erfreut sich dort ebenfalls einer regen Nachfrage.

Ein herzlicher Dank gilt dem Znaimer Verschönerungsverein (okrašlovací spolek) und den Mitgliedern der Jungen und Mittleren Generation im Südmährerbund e.V. (JMG Südmähren) für die tatkräftige Unterstützung des Heimatkreises Znaim bei der Durchführung der Veranstaltung.

Ein ausführlicher Online-Pressebericht vom 15.08.2018 findet sich auch unter https://znojemsky.denik.cz/kultura_region/krumlov-koncentracni-tabor-pro-nemce-vzpominaji-pametnici-povalecneho-odsunu-20180815.html.

 


Südmährer beim Tag der Begegnung am 7.Oktober in Geislingen


Im Gemeindesaal der Pfarrei St.Maria begrüßte Sprecher Franz Longin die versammelten Landsleute und als Gäste Vertreter der Stadtgemeinde, Frau Dr. Karin Eckert, Holger Scheible und Roland Funk. Der Sprecher rief die Gemeinschaft der Heimatvertriebenen auf, sich der wichtigsten Aufgabe der Sudetendeutschen zu stellen, die darin bestehe, in der Tschechei das Unrecht zu beseitigen und das Recht wiederherzustellen.

Stadtrat Holger Scheible bei seinem Grußwort

 

 

 

Reinfried Vogler als Tagungsleiter wandte sich gegen den Vorwurf, Veranstaltungen wie diese seien gänzlich rückwärtsgerichtet. Die Arbeit für die Zukunft sei nur auf der Basis der Geschichte möglich. Stadtrat Holger Scheible überbrachte den Willkommensgruß der Stadt und ihrer Vertreter und bekräftigte die von Franz Longin umrissene Rechtsposition.

Das erste Referat des Tages hielt Ralf Pasch, dessen Großeltern väterlicherseits aus dem Riesengebirge kamen, dessen Großmutter Tschechin war, der die Familie viel zu verdanken hatte. Er sprach über den langen Vorabend der ersten tschechischen Republik und blickte dazu weit in die Vergangenheit zurück.

Ende des 18.Jh. gab es einen sogenannten böhmischen Landespatriotismus, vorangetrieben von deutschen Adligen, später gemeinsam mit tschechischen Intellektuellen, u.a. Graf Nostitz, Graf Kinsky. Man erstrebte eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber dem Wiener Zentralismus, wie er seit Kaiser Josef II., der Deutsch als Amtssprache festsetzte, gewachsen war. Der böhmische Landespatriotismus, aus dem der tschechische Nationalismus erwuchs, war anfangs ein deutsch-tschechisches Projekt. Wiege des tschechischen Nationalismus war der Kreis um Nostitz. Josef Dobrovsky und sein Schüler Josef Jungmann wurden zu Erneuerern der tschechischen Sprache. Innerhalb dieser Gruppe nationaler Erwecker kam es bald zu Auseinandersetzungen über verschiedene Wege, insbesondere in der Beurteilung der (von Hanka gefälschten) Königinhofer Handschrift. Zum tschechischen Nationalismus entwickelte sich eine deutsche Gegenposition.

Das Ende des Heiligen Römischen Reiches wirkte als Krisenmoment. In dem entstandenen Vakuum suchte man 1805 einen deutsch-österreichischen Nationalismus zu begründen. Außenminister Johann Philipp Graf Stadion wollte Napoleon mit seinen eigenen Waffen schlagen und ein System zur Volksbewaffnung realisieren. Landwehren wurden aufgestellt. Man wollte weg vom Zentralismus, das tschechische Projekt wurde gestützt. 1818 wurde das Landesmuseum als Vaterländisches Museum in Böhmen gegründet, seit 1848 Böhmisches (Česke) Museum, 1854 Museum des Königreichs Böhmen, zunächst deutsch-böhmisch orientiert, unter dem Einfluss von Franz Palacky wird es tschechisch-national. 1831 wurde ein Verein zur Förderung der tschechischen Sprache und Kultur gegründet. Palackys Geschichte von Böhmen, später Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren, eine tschechische Geschichte, beruht auf dem Kampf mit dem Deutschtum. Zur Grundlegung seiner Sicht berief sich Palacky auf Herder. Auf deutscher Seite fehlte ein ebenbürtiger Gesprächskontrahent, ja, bis 1930 gab es kein eigenständiges deutsches Geschichtsbild.

Bis in die Mitte 19.Jh. hielt sich das Projekt eines gemeinsamen böhmischen Nationalismus. Leo Graf von Thun äußerte 1848, er sei weder ein Tscheche noch ein Deutscher, sondern ein Böhme. Er und andere deutsche Adlige erkannten nicht die Zeichen der Zeit: Der Adel gab seine Führungsrolle auf, das tschechische Bürgertum übernahm die Führung. Das zeigte sich 1848, als in Prag Deutsche und Tschechen gemeinsam auf die Barrikaden gingen, um die Gesellschaft zu verändern. Dabei sollte die Monarchie als Dach über dem Ganzen erhalten bleiben.

Zur Wahrung ihrer Nationalität wurde der Verein der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien gegründet, als Reaktion auf eine tschechische Aktion, vom Gründer als „Bollwerk gegen die Slawomanen“ bezeichnet. Als 1848 die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt zur Verwirklichung einer großdeutschen Lösung zusammentrat, bekamen Palacky und die tschechischen Reichsratsabgeordneten in Wien Einladungen, folgten ihnen aber nicht. Ein Anschluss des deutschen Österreichs hätte nach Palackys Meinung Selbstmord und den Untergang des tschechischen Elements bedeutet. Sein Schwiegersohn František Ladislav Rieger trat im Wiener Parlament für die Vereinigung der slawischen Völker in der Monarchie ein, die stark von Russland gefördert wurde. Slawen seien die größere Macht des Staates, ihr Geld und ihr Blut erhalte den Staat, aber nur so lange, wie sie wollten, werde Österreich bestehen. Andererseits sollte auch ein Nationalstaat unter dem Dach der Monarchie bestehen bleiben.

Historiker sehen 1848 als ein Schicksalsjahr, von da ab trennten sich die Wege der Deutschen und der Tschechen. Es entwickelte sich eine Parallelgesellschaft, befördert durch politische Entscheidungen wie die von 1867 im deutsch-ungarischen Ausgleich, worauf die Tschechen eine ähnliche Lösung forderten. In einem Trialismus wäre ihnen mehr Eigenständigkeit zugekommen. Annäherungen und Überlegungen in dieser Richtung waren vorhanden, scheiterten aber. Auf beiden Seiten erwuchs eine zunehmende Radikalisierung, wobei sich die Deutschen immer stärker in der Defensive fühlten.

In Prag gab das deutsche Ständetheater, 1783 gegründet, auch tschechische Vorstellungen, doch die Tschechen, damit nicht zufrieden, gründeten 1862 ein tschechisches Interimstheater das tschechische Ensemble zog um, 1868 erfolgte die Grundsteinlegung, 1883 die Eröffnung des tschechischen Nationaltheaters. Daraufhin wurde ein zweites deutsches Theater vorgeschlagen. Nachdem dieses vom böhmischen Landtag abgelehnt worden war, erging eine Spendensammlung, mit der das Neue Deutsche Theater erbaut und 1888 eröffnet wurde.

Neben dem politischen und kulturellen Nationalismus bestand auch ein ökonomischer. Die Industrialisierung kam etwas verspätet ins Land, für den Gesamtstaat war Böhmen aber bald sehr bedeutend, weil dort wichtige Industriezweige lagen, Glas- Porzellanindustrie fast zu 100 %, zunächst in deutscher Hand, in der Textilindustrie und anderen gab es sehr viele jüdische Hersteller. 1868 wurde die tschechische Gewerbebank für Böhmen und Mähren gegründet, die grundsätzlich nur tschechische Betriebe förderte. Auf deutscher Seite erfolgte erst 1911 die Gründung der Kreditanstalt der Deutschen.

Die nationale Turnerbewegung des Turnvaters Jahn fand auch in Böhmen Nachahmer, 1862 wurde der Sokol (Falke) in Prag gegründet, in Österreich gab es seit 1845 Turnvereine, 1889 wurde der Deutsche Turnerbund gegründet, 1919 der Deutsche Turnerbund in der Tschechoslowakei.

Auf beiden Seiten wurden sogenannte Schutzvereine gegründet, die Geld sammelten, um das Schulwesen zu fördern, Minderheiten zu stützen, die Kultur zu fördern, in wirtschaftlichen Fragen zu helfen, karitativ zu wirken. Von den Deutschen wurde 1880 der Bund der Deutschen gegründet, der die Kreditanstalt gründete.

Die neue Sprachverordnung von Badeni stellte 1897 beide Sprachen als Amtssprachen gleichberechtigt nebeneinander, bis 1901 sollten alle Beamten beide Sprachen beherrschen. Protest erhob sich vor allem auf deutscher Seite, es gab Massendemonstrationen; die Reformen wurden 1899 zurückgenommen, Badeni entlassen. 1905 kam es zum Mährischen Ausgleich, da man dort dem böhmischen Zentralismus ablehnend gegenüberstand. Die sprachliche Orientierung der Ämter und Schulen wurde so geregelt, dass sie proportional der Stärke der Nationalitäten entsprach.

 

   v.l. Franz Longin, Ralf Pasch, Jan Sicha, Reinfried Vogler

 

Alles , was danach kam, hat dazu geführt, dass die Trennung zwischen den Nationalitäten immer radikaler wurde, im ersten Weltkrieg gingen tschechische Protagonisten wie Masaryk und Benesch ins Exil; vom Dach der Monarchie hatte man sich abgewendet. Als 1918 die erste tschechoslowakische Republik gegründet wurde, kam es zur Umkehrung der Verhältnisse: Staatsvolk waren die Tschechen und die Slowaken, die Deutschen wurden zur nationalen Minderheit. Die Minderheitenfrage wurde nicht wirklich gelöst, es fehlte ein Identifikationsangebot.

 

Reinfried Vogler ergänzte, dass die Grenzziehung von 1918 eine nach dynastischen Prinzipien war, ohne dass man eine Dynastie gehabt hätte. Eine Anpassung an die Sprachgrenze fehlte. Daher erfolgte 1938 die Zustimmung der Alliierten zur Abtretung.

       Dr. Elke Krafka stellte das Jahrbuch 2018 vor,  das ab sofort bei der Geschäftsstelle zu beziehen ist (siehe Seite 959)

Auch Jan Šicha, der Referent des Nachmittags, konnte einen sudetendeutschen Großvater vorweisen, er selbst sei in Aussig geboren. Zum tschechischen Nachkriegsstaat von 1918 erwähnte er im Anschluss an das Referat von Rolf Pasch die Erschießung von Deutschen durch die tschechische Polizei. Man habe die Adelstitel abgeschafft, weil man dieses Erbe nicht mehr brauchte. Die Modernität des neuen Staates habe sich als nicht so schnell realisierbar erwiesen. Die Hoffnung auf einen eigenen Weg zum Sozialismus habe sich als trügerisch herausgestellt, deutlich werde dies am Beispiel Bodenreform. Die 1. Republik sei in vielen Bereichen gut gemeint gewesen, aber die weitere Entwicklung habe gezeigt, dass man zu Respektierendes nicht respektiert hat.

Vor 40 Jahren sei die Charta 77 formuliert worden, eine Bürgerinitiative, ihrem Wesen nach ziemlich böhmisch in ihrer Absicht, indirekt etwas zu schaffen, aus dem Nichts etwas zu schaffen. Der Referent sieht darin etwas typisch Böhmisches mit den kreativsten Adeligen, Juden, Kapitalisten in Mitteleuropa, Exportweltmeistern mit Geschmack, als Beispiele nannte er Gablonzer Schmuck, Musikinstrumente aus Westböhmen, Keramik aus Znaim, Ergebnisse eines friedlichen Wettbewerbs. Durch die Vertreibung sei alles zurückgefallen und kulturell ostwärts geschoben worden.

Künstler und ehemalige Politiker hätten sich zusammengesetzt und einen Aufruf formuliert auf der Grundlage des Helsinki-Prozesses. Damals wollte die Sowjetunion die Westgrenze ihres Machtbereichs festigen, und beide Machtbereiche sollten künftig respektiert werden. Auch die Amerikaner waren für Achtung der jeweiligen Machtsphäre. Nach zehn Jahren Verhandlung endete die Schlussakte von Helsinki mit dem Grundsatz der Achtung der Menschenrechte.

Der Wunsch nach freiwilliger Kontrolle rief sofort eine Kampagne hervor, ihrem Wesen nach kommunistisch-böhmisch-absurd, im Nationaltheater wurde eine Anticharta unterschrieben, womit man offiziell Protest einlegte gegen etwas nicht öffentlich Bekanntes.

Die Charta wurde bis 1989 von etwa 1800 Personen unterschrieben, sie schuf etwas wie eine Parallelregierung. Es existieren mehr als 500 Dokumente der Charta, ein Teil behandelt die Verfolgung der Chartisten, andere äußern sich zur internationalen Politik, zu Gesundheitswesen und Umwelt. Damit wurden Themen eröffnet, zu denen das Regime offiziell Stellung nehmen musste. Ein Teil Chartisten waren 68er, einen weiteren bildeten Christen, einen anderen Liberale. Drei Sprecher waren für ein Jahr gewählt, ein ehemaliger Kommunist, ein Christ und ein Liberaler oder eine Liberale. Ein Dokument fordert ein Recht auf die Geschichte und enthüllt die Politik des Kommunismus als eine Politik des Vergessens. Erstmals wurde das sudetendeutsche Thema aus einer anderen Perspektive betrachtet als der des Siegers und der „gerechten“ Sprache.

In Bezug auf die Mentalität nach 1945 erwähnt der Redner, dass damals in Reichenberg eine Ausstellung über Naziverbrechen ein in Menschenhaut gebundenes Buch und ein Glasauge von Karl Herrmann Frank zeigte. Der erwartete Schluss daraus: alle Sudetendeutschen binden Bücher in Menschenhaut, sind Henker mit gläsernem Auge – eine Hassveranstaltung. Eine andere Ausstellung fragte: Warum ist ein Zusammenleben nicht mehr möglich? Man zeigte Fotos aus befreiten Konzentrationslagern und ein Bild von Revanchisten, die mit amerikanischen Panzern zurückkommen und ihr Eigentum zurücknehmen.

Heute finde man in Buchhandlungen ein ganzes Regal, das den Sudetendeutschen gewidmet ist. Sie gehören zu den Haupttabus, die gefallen sind wie das über die Verhältnisse in der Sowjetunion. Dieses sei sofort gefallen, aber die Sudetendeutschen als Kulturthema, die Leistung der Sudetendeutschen für die böhmischen Länder war auch tabu. Die Vorbereitung zur Lockerung hat Charta77 geleistet, und zwar auf zwei Wegen: 1985 wurde unter dem Namen „Prager Appell“ ein Dokument zum Thema Deutsche Einheit veröffentlicht, über die die Deutschen selber entscheiden müssten. Autor war Šabata, ein ehemaliger 68er, der aus der Partei geworfen und eingesperrt worden war. Darauf folgte eine Diskussion über die Sudetendeutschen. Jan Mlynarik hat unter dem Namen Danubius Thesen herausgegeben, die akzeptiert wurden, im Dezember 1989 entschuldigte sich daraufhin Vaclav Havel bei den Deutschen.

Ein Kommunikationsmedium in der Charta war der sogenannter Samisdat, die Verbreitung systemkritischer Literatur, abgeschriebene Bücher, die weitergegeben wurden. Die Charta bewirkte viele Tabu-Öffnungen, quer durch Meinungen und Religionen. Die erste Auseinandersetzung mit der Vertreibung der Sudetendeutschen wurde so eingeleitet, man wagte zu denken, dass die Sudetendeutschen in den böhmischen Ländern fehlen. Prof. Potočka, ein Schüler von Husserl, sagte, die Menschen wüssten wieder, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu leiden, Dinge, für die es sich lohnt zu leben. Die Charta werde nicht aufhören daran zu erinnern, was wir jenen Rechten, welche gesetzlich unseren Bürgern gehören, verdanken, was immer das Risiko dieses Handelns sei.

Es habe zwei Versuche gegeben, die tschechoslowakische Gesellschaft zu beleben: den Prager Frühling und danach die Charta 77 als Freiheitsbewegung. Nach 1968 herrschte Friedhofsruhe, man wählte die Flucht ins Privatleben. Die Mehrheit schwieg. Die Charta brachte eine Geschichtsöffnung, öffnete die Sudetendeutsche Frage, betrieb die Auflockerung der Haltung gegenüber dem Feind.

 

Die internationale Solidarität sei von Anfang an wichtig gewesen, in diese Richtung wies auch die Dialogöffnung von Seiten der Ackermanngemeinde, Konferenzen in Brünn und Iglau schufen Grundlagen für einen Dialog. In Versuchen in Richtung eines Dialogs hatte man langjährige Erfahrung. Eine letzte politische Grenze sei mit der Änderung in der Verfassung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gefallen, bislang habe man von tschechischer Seite die Besitzansprüche als Ausrede genutzt. Eine von Charta 77 angestoßene Bewegung habe dazu beigetragen, dass jetzt eine neue Situation vorliege. Wenn ein tschechischer Premier und der sudetendeutscher Sprecher zusammen beim Essen sitzen, sei schon viel erreicht. Nun setze er auf kleine Schritte.

In seinem Text zu einer Ausstellung in Aussig habe er deutlich gemacht: die Sudetendeutschen haben dieses Land kulturell seit dem Mittelalter bis zur Vertreibung mit erbaut. Bezüglich der Vertreibung wird indirekt angedeutet: Es hat nicht so sein müssen. Im letzten Zimmer der Ausstellung seien Bilder deutscher Künstler aus Böhmen zu sehen. Für eine Volksgruppe gebe es nichts Schlimmeres als Vertreibung und Enteignung. Er hoffe auf eine Stiftung zur Erhaltung des Erbes der Deutschen in Böhmen. Es sei eine Kultur, die zu diesem Land gehört. Abschließend gab er seiner Überzeugung Ausdruck, dass das Sudetendeutsche immer besser verstanden werde.

Gerald Frodl

 

 

 

 

 


„69. Bundestreffen der Südmährer in Geislingen“


 

Der Festredner Güther H. Oettinger bei seiner Rede in der Jahnhalle, dem neuen Veranstaltungsort

 

Zum 69. Male nahm die Patenstadt die von nah und fern angereisten Landsleute auf, in diesem Jahr in der Jahnhalle, der offiziellen Veranstaltungshalle der Stadt Geislingen. Die Anwesenheit der Prominenz blieb die übliche, auch diesmal konnten sich die Südmährer schmeicheln, keine quantité négligeable zu sein, also keine Größe, die nicht berücksichtigt zu werden braucht.

Am Samstag, dem 29. Juli, versammelten sich am Vormittag die Ortsbetreuer in den Kreistagen, um 11.30 schloss sich die Delegiertenversammlung an, zu der Sprecher Franz Longin die Teilnehmer begrüßte. Seinem Rechenschaftsbericht über die Tätigkeiten des Südmährerbundes im abgelaufenen Jahr schloss sich der Rechnungsprüferbericht an, auf Grund dessen dem Südmährerbund die Entlastung einstimmig ausgesprochen wurde. Erfreulicherweise konnten mehrere Landsleute mit Buchpreisen bedacht werden, die neue Abonnenten für den Heimatbrief gewonnen hatten. Zwei bedeutenden Preise, welche die Südmährer alljährlich für verbandsinterne Arbeit und Heimatpflege vergeben, gingen an Manfred Geml für seine Leistungen in der Südmährischen Heimatorganisation und an Rudolf Rosenberger, den ehemaligen Geschäftsstellenleiter für seine besonderen Verdienste auf dem Gebiet der Heimatforschung. Den Paul-Lochmann-Preis erhielt Otto Schimscha für seine Verdienste um den wirtschaftlichen Aufbau nach der Vertreibung aus der Heimat.

Nach der Mittagspause kam es um halb drei Uhr zur Festlichen Eröffnung, durch die wie jedes Jahr Reinfried Vogler führte, der erster Stellvertreter von Franz Longin und Präsident der Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ein Stück weit begleitete ihn eine Instrumentalgruppe aus dem Ensemble „Moravia Cantat“ mit kleinen Musikstücken. Zum aktuellen Thema Vertreibung begrüßte er, dass Vertreibungsländer sich bemühten, Vergangenheit aufzuarbeiten und Schäden wieder gutzumachen. Lediglich in der Tschechei werde die Vertreibung mit Hilfe der Beneschdekrete weiterhin legalisiert. Da sei noch Aufklärungs- und Verständigungsarbeit zu betreiben. Treffen wie das der Südmährer mahnten die weiterhin zu fordernde Aufarbeitung ein.

Franz Longin begrüßte die Versammelten im Zuge eines Zueinanderkommens, insbesondere Oberbürgermeister Frank Dehmer, Ministerialdirigent Herbert Hellstern vom Innenministerium, die Leiterin des Hauses der Heimat Baden-Württemberg, Dr. Christine Absmeier, Vertreter der Stadt Geislingen, Domdekan Prälat Karl Rühringer aus Wien, Dekan Martin Ehrler, Vertreter der Kirchengemeinde, Klaus Hoffmann, den Landesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft BW, aus Österreich den Bürgermeister von Reingers, Andreas Kocar, die früheren Bürgermeister von Drasenhofen und Reingers, Gerhard Zeihsel, den Obmann der Sudetendeutschen

Landsmannschaft in Österreich, Hans Günter Grech, den Obmann des Kulturverbands der Südmährer in Österreich, Brigitta Appel, die Obfrau des Museumsvereins Thayaland, Obmann Josef Mord vom Arbeitskreis Südmähren, den Vertreter der Schönhengstgauer, sodann Kulturpreisträger früherer Jahre, Vorstandsmitglieder im Südmährerbund und die Presse.

Danach dankte der Sprecher den Vertretern der Stadt dafür, dass die Südmährer in ihrer Stadt wohlgelitten seien. Der „Treffpunkt Südmähren“ sei die Hinterlassenschaft der Südmährer für die nachfolgenden Generationen und als solcher auch der Stadt gewidmet. Im Zentrum stehe die Vertreibung mit ihren historischen Hintergründen sowie der Neuanfang nach dem Kriege. Am Freitagnachmittag habe man gemeinsam mit dem Oberbürgermeister am 1950 errichteten Ostlandkreuz der Verstorbenen gedacht.

Im Alten Rathaus, das die Geschäftsstelle beherbergt, würden bei Renovierungen Fenster und Treppe erneuert und ein Treppenlift eingebaut. Auch dafür dankte Franz Longin der Stadt, dem Land für Zuschüsse zu Veranstaltungen.

Franz Longin berichtet, dass die Vertreibungsberichte aller vier Heimatkreise fertiggestellt sind, in denen dokumentiert ist, was nicht wieder geschehen soll. Tschechische Übersetzungen würden in der Tschechei präsentiert. Die vier Bände gehen an Landes- und Bundesregierung, damit man dort sehe, wie es den Südmährern ergangen ist.

 

OB Frank Dehmer

 

Oberbürgermeister Frank Dehmer hieß die Südmährer von Herzen willkommen; er hoffe, dass die Jahnhalle den Südmährern einen schönen Rahmen zu ihrem Treffen biete. Er wiederholte einige Begrüßungen und merkte zu Hans Günter Grech an, sich auf dessen Darbietung im „Dialekt“ besonders zu freuen. Der Angesprochene betonte sogleich, er spreche „Hochdeutsch“. Frank Dehmer erinnerte daran, dass 1962 in Deutschland 9,6 Millionen Flüchtlinge lebten, deren Hoffnung auf Rückkehr allmählich gewichen sei. Der Start in der neuen Heimat sei wohl nicht leicht gewesen. Auf Treffen pflegten die Vertriebenen ihre Verbundenheit, wozu die Stadt den Rahmen bieten könne. Die Geschichte der Vertreibung dürfe nicht in Vergessenheit geraten, damit Lehren daraus zu ziehen seien. Es gelte, an dem gemeinsamen Europa und dem Frieden in der Welt mitzuarbeiten.

 

Ministerialdirigent Herbert Hellstern

 

Ministerialdirigent Herbert Hellstern vom Innenministerium BW sagte Dank für die Einladung, auch die der vergangenen Jahre, die das Erlebnis der Heimatverbundenheit vermittelt hätten. Heute dürfe man Heimatvertriebene, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie Deutsche waren, nicht auf die gleiche Stufe stellen mit den Flüchtlingen, die heute zu uns kommen. Es habe damals keine Willkommenskultur gegeben, die neue Heimat war kalt, teilweise sogar sehr kalt. Die Vertriebenen kamen, das kriegszerstörte Land wieder aufzubauen. Der Redner zitierte in diesem Zusammenhang den Außenminister, der gesagt habe, „Nicht die Trümmerfrauen haben Deutschland wieder aufgebaut, sondern die Türken.“ Als Beamter dürfe er Aussagen hoher Politiker öffentlich nicht kritisieren. Aber er dürfe sagen, was ihm dazu einfalle. Einstein habe gesagt: „Nur zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche Dummheit.“ Beim Weltall sei er sich aber nicht ganz sicher.

Herbert Hellstern sprach seinen Dank für den „Treffpunkt Südmähren“ aus, der zu den modernsten seiner Art gehöre. Das Innenministerium habe einen kleinen finanziellen Beitrag geleistet. Er dankte der Patenstadt Geislingen für ihr Engagement, zugleich gratulierte er den Südmährern zu ihrer Patenstadt. Er selbst beende nach über 20 Jahren seine Tätigkeit im Amt für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und danke den Südmährern für Begegnungen im Erlebnisraum Heimat.

Klaus Hoffmann, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft BW, kam zu der Einsicht, dass ein Bundestreffen von Heimatvertriebenen nicht ohne einen Blick zurück möglich sei, aber auch nicht ohne einen Blick nach vorn. Als die Südmährer sich zum ersten Mal 1948 trafen, lag Deutschland noch in Trümmern. Zwei Wochen vor dem Brünner Todesmarsch sagte Benesch in Prag: „Es wird notwendig, sein, insbesondere kompromisslos die Deutschen in den tschechischen Ländern und die Ungarn in der Slowakei völlig zu liquidieren.“

Auch sieben Jahrzehnte später sei verständlich, dass die Vertriebenen ihr Recht auf eine machbare Wiedergutmachung einfordern. Noch gelten mitten in Europa die Beneschdekrete. Über Gespräche sei auf ein Ende der Diskriminierung der Deutschen hinzuarbeiten. Dazu sei Geschlossenheit vonnöten. Aufgabe bleibe daneben die Bewahrung des eigenständigen Kulturerbes.

Hans Günter Grech erinnerte sich an seinen ersten Besuch in Geislingen als Zehnjähriger 1952. Zu den überregionalen Veranstaltungen in Österreich, der Südmährerwallfahrt nach Dreieichen am Sonntag nach dem 1. Mai, dem Kreuzbergtreffen am Sonntag nach Fronleichnam und dem Südmährerkirtag Anfang August äußerte er, die Termine dazu stünden bereits jeweils am Jahresanfang fest. Es sei daher bedauerlich, dass Reisegruppen von Sudetendeutschen die Rückreise knapp vor solchen Terminen antreten.

Weiter berichtete er über die Übernahme und Weiterführung der „Sudetenpost“ durch die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich unter Obmann Gerhard Zeihsel. In Niedersulz sei der Umbau fertiggestellt, das Museum neu organisiert. Das Südmährermuseum in Laa entwickle sich unter Leitung durch Brigitta Appel zu einem Zentrum südmährischer Aktivitäten. In Österreich sei die Vertreibungsgeschichte durch Prof. Leopold Fink in die Wikipedia hineingeschrieben worden, welche besonders bei der jüngeren Generation als erste Anlaufstelle fungiere. Die Vertriebenen müssen ihre Darstellung einbringen, sonst schreiben die Vertreiber die Geschichte. Leider müsse Prof. Fink seine Tätigkeit aus Altersgründen einstellen. Ein Nachfolger werde gesucht.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde der Südmährische Kulturpreis 2016 verliehen, den der Südmährerbund und die Patenstadt Geislingen gemeinsam tragen, und zwar an Dipl.-Ing. Fritz Lange „für Verdienste um Südmähren, insbesondere die Dokumentation der Geschichte der drei Fürstenstädte Nikolsburg, Feldsberg und Eisgrub in historischen Bildern, Plänen und Fotos, sowie die Darstellung der wechselvollen und dramatischen Geschichte des Gebiets seiner ehemaligen Heimat um Nikolsburg und die Pollauer Berge“.

 

Sprecher Franz Longin und OB Frank Dehmer überreichen Fritz Lang den Kulturpreis 2016

 

Reinfried Vogler gab einen Überblick zu Lebenslauf des Preisträgers, der am 1. August 1939 in Feldsberg geboren wurde, das die Tschechen nach den Friedens­schlüssen 1918 an sich gerissen haben. Der Vater betrieb Landmaschinenfabriken in Nikolsburg und Dürnholz. Nach der Vertreibung konnte die Familie in Wien Fuß fassen. An der TU studierte der Preisträger Nachrichtentechnik, er schloss mit dem Diplom ab und war dann bei den Firmen Siemens, Bosch und Philips als Leiter des Bereichs Fernsehstudiotechnik beschäftigt. 2001 ging er in Pension und begann, Bücher zu schreiben, die auf eigenen Erkundungen durch Wanderungen beruhen. Sie sind nicht nur sehr lebendig geschrieben, sie enthalten viel Bildmaterial, das sonst nirgends zu finden ist. „Südmähren – Bilder erzählen Geschichte“ vergegenwärtigt in Erlebnisberichten und reichem Bildmaterial die Kultur der Region plastisch. Daneben stellen „Vom Dachstein zur Rax“ und „Von Böhmen nach Wien“ sowie „Von Wien zur Adria“ das bisherige Lebenswerk dar, das nicht nur dokumentiert, sondern in die Zukunft trägt, damit die eigene Kultur weiterleben kann.

Fritz Lange erinnerte sich in seinem Dankeswort an viele freundliche Menschen, die ihn mit Informationen versorgt haben. Er dankte herzlich für die Ehre der Auszeichnung, mit der er sich in einer Reihe mit Ilse Tielsch und Prof. Gerstenbrand stehen sehe. Zuletzt dankte er seiner Frau, ohne die er das Geleistete nicht hätte erbringen können.

Am Ende der Veranstaltung dankte Franz Longin den Ehrengästen für die Grußworte, danach auch den Anwesenden und bat sehr dringlich um zahlreiches Erscheinen am Sonntagmorgen bei Messe und Kundgebung. Zuletzt dankte er dem Geschäftsstellenleiter und den Mitarbeitern für die Vorbereitung der Veranstaltung.

Nähe zueinander trotz Zerstreuung in der Vertreibung, das bleibe die Aufgabe der Südmährer, daneben hätten sie das Unrecht der Vertreibung so darzustellen, dass die Tschechen es für ihre Vorfahren bereuen müssen. Bei den Deutschen hätten viele gebüßt für andere. Hauptsächlich haben15 Millionen Vertriebene gebüßt dafür, dass andere große Schuld auf sich geladen haben. Dies sei über die Grenze hinweg gesagt nach drüben. Zur Wiederherstellung des Rechts bleibe die Außerkraftsetzung der Vertreibungsdekrete weiterhin erforderlich.

Um 18 Uhr versammelte der Klemens-Maria-Hofbauer-Gedächtnisgottesdienst die Südmährer in der Pfarrkirche St. Johannes. Am Abend um 20 Uhr folgte eine Sommerserenade des Ensembles „Moravia Cantat“ in der Jahnhalle.

 

Moravia cantat bei der Sommerserenade

 

Am Sonntag empfing die Stadtkapelle Geislingen mit schwungvoller Blasmusik die Südmährer in der Jahnhalle. Domdekan Prälat Karl Rühringer begrüßte die Südmährer zum Festgottesdienst und stellte das Zusammensein unter das Motto: Der Herr versammelt sein Volk. In diesem Bewusstsein sollten sich Christen des Schatzes bewusst werden, den sie in ihrem Glauben besitzen. Für die Südmährer stelle die zu singende Schubert-Messe ein Stück Heimat dar. In seiner Predigt sprach der Geistliche von Kindheitserinnerungen, die wir alle in uns tragen, als Schatz oder als Bürde, von gespeicherten Schlüsselerlebnissen, über die wir sprechen oder schweigen. Auch aus der Geschichte des Volkes blieben prägende Erinnerungen. Gott habe den Menschen das Leid nicht erspart, aber er habe sie darin nicht allein gelassen. Auch im Gedenken an den Brünner Todesmarsch, der am Vorabend zu Fronleichnam begonnen habe, müsse man den ganzen Weg bedenken, den Gott die Menschen geführt habe, vielleicht könne dann leichter Friede in die Herzen einkehren.

Die Zelebranten der Hl. Messe – in der Mitte Domdekan Prälat Karl Rühringer und Dekan Martin Ehrler

 

Die Kundgebung begann mit der Totenehrung. In bewegenden Worten erinnerte Reinfried Vogler an das grausame Schicksal der Vertreibungsopfer. Die Kapelle spielte das Lied vom guten Kameraden. Zur Eröffnung der Kundgebung betonte er die Bedeutung des Treffens als Demonstration für die Menschenrechte und die Ächtung von Vertreibung wie der von 1945, die sich nicht wiederholen dürfe.

Sprecher Franz Longin begrüßte die Ehrengäste, zuerst EU-Kommissar Günther H. Oettinger, Oberbürgermeister Frank Dehmer, Hermann Färber MdB, Nicole Razavi MdL, Konrad Epple MdL, Armin Koch, von der FDP-Kreisfraktion, Ministerialdirektor Julian Würtenberger vom Innenministerium BW, als Stadträte Dr. Karin Eckert, Holger Scheible, Hans-Peter Maichle und Kai-Steffen Meier, Jochen Heinz als Vertreter des Landrates vom Landkreis Göppingen, aus Österreich Bürgermeister Andreas Kozar aus Reingers, die ehemaligen Bürgermeister Hubert Bayer aus Drasenhofen und Christian Schlosser aus Reingers und Erich Mader, Prof. Dr. Uwe Schramm, als Präsident der Steuerkammer Franz Longins Nachfolger, Kulturpreisträger Dipl. Ing Fritz Lange und Gattin, die 2.Vorsitzende des Kirchengemeinderates St.Maria, Frau Maria M. Wahl und ihre Vorgängerin Brunhilde Schmid, Gerhard Zeihsel, Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich, Hans Günter Grech, Obmann des Kulturverbands der Südmährer in Österreich, Brigitta Appel für den Heimat- und Museumsverein Thayaland, Josef Mord für den Arbeitskreis Südmähren, Anneliese Kästl als Vertreterin der Wischauer, Friedrich Eigel für die Schönhengster, und Christoph Zalder, Vorstandsmitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Die Südmährer stehen vor einem Generationswechsel und seien auf der Suche nach jüngeren Vertretern. Er dankte dem Oberbürgermeister und der Gemeindevertretung für die anhaltende Unterstützung, er hoffe auf weitere gute Zusammenarbeit. Der Treffpunkt Südmähren als Dokumentation solle in die Zukunft wirken als Mahnung, insbesondere in der Tschechei. In Bezug auf die feste Verankerung in der Haltung zur europäischen Einigung erinnerte er an das Bekenntnis zu Europa in der Charta der Vertriebenen.

Oberbürgermeister Frank Dehmer mahnte zu bleibender Erinnerung an das Vertreibungsgeschehen, auch in der Tschechei. Ein Neuanfang sei nach dem klaren Bekenntnis zum geschehenen Unrecht möglich. Daraus sei eine Stärkung des europäischen Gedankens zu erwarten, in einem Europa, in dem niemand seine Heimat streitig gemacht wird.

Ministerialdirektor Julian Würtenberger würdigte das Treffen als Tag der Erinnerung, auch an die schwere Zeit, an den Verlust der Heimat, den Tod von Angehörigen. Um so beeindruckender sei, was die Vertriebenen angesichts von Skepsis und Ablehnung erreicht haben. Schon früh hätten die landschaftlich organisierten Heimatvertretungen Geborgenheit vermitteln können. Ohne sie wäre die wirtschaftliche Entwicklung im Südwesten nicht in gleichem Maße vorangegangen. Auch am Zusammenwachsen der Landesteile hätten sie vor 65 Jahren wesentlichen Anteil gehabt. Dafür gebühre ihnen Dank und darauf dürften sie stolz sein.

EU-Kommissar Günther H. Oettinger stellte in seiner Festrede dar, wie die Gegenwart vom Wettbewerb der Werthaltungen, Gesellschaftsmodelle und Regierungsformen bestimmt sei. Die Europäische Gemeinschaft habe den Aufschwung der deutschen Wirtschaft ermöglicht. Jenseits der Mauer hatten die Deutschen diese Chance nicht. Aber seit der Wende könnten sich die Wertekonzepte weiter durchsetzen. Heute erlebten wir, dass es auch andere Vorstellungen gibt, dass Demokratie verachtet, Meinungsfreiheit nicht ernst genommen wird, dass sich Anhänger fremder Ideologien uns überlegen dünken. Wir müssten für unsere Werte kämpfen, die Lage sei ernst. In globalem Umfeld das Errungene zu erhalten, müsse Europa erwachsen werden und die eigenen Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, insbesondere für die eigene Sicherheit sorgen, wenn es nicht von anderen abhängig werden will.

Die Frage, wie man der weltweiten Flüchtlingskrise begegnen kann, liege den Vertriebenen nahe. Wir müssten mehr für eine Perspektive der Menschen in Afrika tun, denn Afrika sei unser Nachbarhaus und unser Schicksal. Dort lebten heute 1.300 Millionen Menschen, in Europa dagegen nur 500 Millionen, 2030 würden es in Afrika 2.600 Millionen sein, 2050 gar 4 Milliarden. Deutschland müsste etwas dafür tun, dass die Menschen dort bleiben können, und für Sicherheit und Stabilität sorgen. Deutschland werde bald nur 1 % der Weltbevölkerung stellen. Man werde folglich die Welt von morgen nicht mehr mitgestalten können. Also gelte es, Kräfte zu bündeln, oder man werde nicht mehr wahrnehmbar sein. Große Themen seien bereits heute nur europäisch vertretbar. Europa könne neben den USA und China der dritte Faktor sein bei großen Entscheidungen, wenn es nicht in nationalen Egoismus zurückfalle. Gegen Protektionismus, Populismus und Nationalismus, wie sie derzeit um sich griffen, gelte es, das europäische Projekt zu unterstützen.

Franz Longin übernahm in seinem Schlusswort die globale Sicht des Festredners.

Er forderte die Tschechen auf, sich in christlicher Tradition zur eigenen Schuld zu bekennen. Von den veröffentlichten – auch ins Tschechische übersetzten – Vertreibungsberichten sei eine Mehrung des Wissens über die Vertreibungsverbrechen auch in der Tschechei zu erwarten.

Der Sprecher dankte der Stadt für die Unterstützung bei der Durchführung des Treffens, er dankte dem Land für jahrzehntelange Unterstützung und der deutschen Politik, die im Bundesvertriebenengesetz mit § 96 die deutsche Kultur in den deutschen Ländern östlich von Oder und Neiße und im Südosten Europas weiterhin unterstütze. Er schloss die dringende Bitte an, dass es so bleiben möge. Er dankte allen, die mitgeholfen haben, dieses Treffen vorzubereiten und durchzuführen, und nannte besonders die Stadtkapelle, den Bauhof, der Flaggen und Schilder aufgestellt hatte, der Polizei, dem Roten Kreuz, den Fahnenträgern und schließlich allen, die am Fest teilgenommen haben.

   v.l. Franz Longin, EU-Kommissar Günther H. Oettinger, Reinfried Vogler 

 

Nach der Mittagspause präsentierte die Junge und Mittlere Generation Südmährens ihre Reise in die Heimatkreise Zlabings und Neubistritz im Mai 2017.

Der Nachmittag gehörte ganz und gar dem Treffen der Ortsgemeinschaften in der voll besetzten Jahnhalle. Dort konnte man sich über das Wiedersehen mit Landsleuten, alten Bekannten und Freunden freuen.

Mitglieder von Moravia cantat bei einer ihrer Tanzeinlagen