Veranstaltungsberichte

 


71. Bundestreffen der Südmährer

in unserer Patenstadt Geislingen/Steige


Die Hl. Messe wurde zelebriert von Prälat Karl Rühringer

 Der erste Tag, Samstag, versammelte die Amtsträger der Südmährer zu organisatorischen Sitzungen und zur festlichen Eröffnung. Mit Kranzniederlegungen am Grab des ersten Landschaftsbetreuers Josef Löhner und am Ostlandkreuz gedachte der Vorstand der Opfer der Vertreibung und der fern der Heimat Verstorbenen.

In der Jahnhalle tagte zunächst der Vorstand des Südmährerbundes, danach hielten die Amtsträger der vier Heimatkreise Besprechungen zur Arbeit in Vergangenheit und Zukunft. Es folgte die große Rechenschaftsablage in der Delegiertenversammlung des Südmährerbundes. Wolfgang Daberger begrüßte als Stellvertreter des Sprechers die Amtsträger und ganz besonders Hans Günter Grech, Obmann des Kulturverbandes der Südmährer in Österreich, und Brigitta Appel, Obfrau vom Museumsverein Thayaland in Laa mit ihren Landsleuten. In würdigen Worten schloss er die Totenehrung an, in der er die verstorbenen Amtsträger des abgelaufenen Jahres namentlich nannte, zuletzt Konrad Wieninger, der seit 1981 Bibliothek und Sammlungen des Südmährerbundes verwaltet hatte.

Den  Rechenschaftsbericht des Vorstandes legte Franz Longin ab. Der Zusammenhalt, auch mit den Landsleuten aus Österreich, konnte bewahrt werden. Er nannte den Schüleraustausch zwischen zwei Gymnasien aus Geislingen und einem aus Znaim. Die Zusammenarbeit mit der Stadt bezeichnete er als vortrefflich. In der Sudetendeutschen Landsmannschaft habe man erfolgreich mitgewirkt.

Peter Sliwka lieferte den Bericht des Schatzmeisters. Den Bericht der Rechnungsprüfer gab Michael Scholz. Die Prüfung in der Geschäftsstelle im März 2019 habe keinen Grund für Beanstandungen ergeben. Fragen zu den Berichten wurden aus der Versammlung nicht erhoben. Die Entlastung wurde einstimmig erteilt.

Als nächstes stand eine Satzungsänderung auf der Tagesordnung. Wolfgang Daberger erläuterte dazu, es gehe um die Beschlussfähigkeit der betreffenden Gremien. Für diese sei bisher die Hälfte der Stimmberechtigten ausreichend gewesen. Ergänzend dazu sei einzufügen, dass bei Nichterreichen eine neue Versammlung einzuberufen sei, die in jedem Falle beschlussfähig sei. Dazu seien Stimmzettel zu benutzen. Die Änderung wurde einstimmig beschlossen.

Franz Longin nahm Ehrungen vor. Den Josef-Löhner-Preis erhielt Horst Sperling. Er wurde 1936 in Breslau geboren. Nach der Vertreibung kam er mit seinen Eltern nach Norddeutschland, später nach Baden-Württemberg und ließ sich in Nürtingen nieder. Er heiratete, seine Frau kam aus Neubistritz. Unter erheblichem Arbeits- und Zeitaufwand erstellte er eine elektronische Datenbank für den Kreis Neubistritz mit einer Fülle von Informationen. Im März 2019 ist er verstorben.

Reinfried Vogler, Dr. Elke Krafka, Franz Longin

Den Professor-Josef-Freising-Preis erhielt Dr. Elke Krafka. In Aachen geboren, kam sie nach Nürtingen. Sie studierte Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie war tätig als Lektorin und Lehrbeauftragte, schrieb Radiosendungen und Dokumentarfilme, kuratierte Ausstellungen, veröffentlichte Beiträge in Fachzeitschriften. Als Kulturbeauftragte hat sie das Südmährische Jahrbuch neu gestaltet.

Ehrenzeichen erhielten die folgenden Landsleute:

Das Große Südmährische Ehrenzeichen in Gold: Walter Leiss, das Südmährische Ehrenzeichen in Gold: Adelheid Bender–Klein, Gudrun Spinka Grech und Robert Nowak. Damit schloss die Delegiertenversammlung.

 

Um 16.30 sammelten sich die Südmährer zur festlichen Eröffnung, durch die sie Reinfried Vogler mit überleitenden Worten begleitete. An den Anfang aber stellte er eine Würdigung der vierzigjährigen Tätigkeit Franz Longins als Sprecher der Südmährer. Diese überspannte mehr als die Hälfte der in der Vertreibung verbrachten Jahre. Eine solche Leistung sei in der allgemeinen Vereinsgeschichte einzigartig. Franz Longin habe eine intakte Organisation übernommen, die mancherlei Probleme hatte. Der Südmährerbund erfreue sich lokaler und übergreifender Anerkennung und stehe organisatorisch an der Spitze aller sudetendeutschen Verbände. Daneben sei auch die Patenschaft in vorbildlicher Verfassung, was auf menschlicher Leistung beruht, auf südmährischer Seite erbracht von Franz Longin. Daraus sei auch der Treffpunkt Südmähren möglich geworden. Überhaupt sei die Serie der Publikationen durchaus nicht alltäglich. Die Position der Südmährer im heutigen Südmähren sei dadurch gestärkt worden. Franz Longins Wirken sei in allem zukunftsbezogen und folge dem Ziel, die Volksgruppe innerlich zu festigen und nach außen stärker wirken zu lassen. Der Schritt über die Grenze sei mittlerweile selbstverständlich geworden. Dabei blieb Österreich immer zweite Heimat. Das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich sei Bestätigung für die Wirksamkeit seines Tuns. In der Sudetendeutschen Landsmannschaft führe er seit vielen Jahren den Sudetendeutschen Heimatrat. Sein Rat sei überall gefragt. Im Bundesvorstand sorge er auch mit kritischem Einwand für fundierten Ablauf. Seine beruflichen Fähigkeiten fanden ihre Würdigung in der Funktion als Präsident der Steuerberaterkammer Baden-Württemberg. Diesem Arbeitspensum habe die verständnisvolle Unterstützung durch seine Gattin entsprochen, so meinte der Redner, und überreichte ihr als Zeichen der Anerkennung einen Blumenstrauß. Man stehe jetzt vor einem Problem: Franz Longin hat sämtliche Ehrungen und Anerkennungen seiner Leistungen von Landsmannschaft und Bundesland schon erhalten, also bleibe den Südmährern nur der herzliche Dank und beste Wünsche, insbesondere für gute Gesundheit.

Franz Longin dankte für die lobenden Worte. Er stellte erfreut fest, dass der Saal voll sei, und begrüßte die Gäste: OB Frank Dehmer und Gattin, Landrat Edgar Wolff, die Stadträte Dr. Karin Eckert, Holger Scheible, Dr. Werner Ziegler, Bettina Maschke, Dr. Hans Peter Gölz, Markus Maichle, Ismail Mutlu, Kreisrat Hans Peter Leible, das Haus der Heimat, vertreten durch Frau Dr. Christine Absmeier, Prälat Karl Rühringer aus Wien, Pater Johann Kiesling, Maria Magdalena Wahl, 2.Vorsitzende des Kirchengemeinderates St.Maria, Mag. Niklas Perzi, die Bürgermeister von Reingers, Drasenhofen, Gerhard Zeihsel, Obann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Österreich, und Gattin, Hans Günter Grech, Obmann vom Kulturverband Südmähren in Österreich, und Gattin, Prof. Leopold Fink und den Leiter des Michelberg-Gymnasiums, Oberstudiendirektor i. R., Herrn Klaus Peter Podlech.

OB Frank Dehmer gratulierte Franz Longin zur österreichischen Auszeichnung und bekräftigte in seinem Grußwort die Gesinnung der Patenschaft, die weiterhin gelten solle.

Landrat Edgar Wolff hob das herausragende Engagement Longins hervor, für das gar keine Auszeichnung mehr zur Verfügung stand. Rückblickend stellte er fest, dass 1949, im Jahr des Grundgesetzes, die Hoffnung der Vertriebenen auf Rückkehr in die Heimat schwand. Damals stellten die Vertriebenen ein Viertel der Bevölkerung im Kreis. Zum ersten Treffen der Südmährer am 7. August 1949 strömten rund 10.000 Besucher nach Geislingen. Seit 70 Jahren spielten die Treffen für die Bewahrung der inneren Identität eine wichtige Rolle.

Landrat Edgar Wolff

Hans Günter Grech erinnerte daran, dass in diesem Jahre Kurt Nedoma und Ilse Tielsch in 90 Jahre alt geworden waren, in deren Werk Südmährens Sein und Vergehen im Wort gebändigt worden sei. Auch darin liege die Verpflichtung, Im Sinne der Alten weiterarbeiten.

Aus der gegenwärtigen Arbeit berichtete er, es gebe Meinungsverschiedenheiten mit der Leitung des Museumsdorfes Niedersulz. Sehr positiv zu beurteilen sei die Tätigkeit des Heimatmuseums Thayaland in Laa dank der rührigen Leitung von Brigitta Appel. Ferner nannte er als wertvoll die Enzyklopädie südmährischer Orte in der Wikipedia, die man Landsmann Leopold Fink zu verdanken habe. Schließlich erinnerte an den 200. Geburtstag von Klemens Maria Hofbauer im Jahre 2020, dazu wäre eine Verlegung der Kulturtagung nach Wien ein Projekt, über das noch zu befinden sei. Zuletzt trug er ein Gedicht über eine Préférence-Partie vor, mit dem er Wiener Mundart ins Gespräch brachte und heiteres menschliches Verhalten in humoristischer Form.

Hans Günter Grech

Franz Longin trat wieder ans Pult, um Ehrungen vorzunehmen. Es sei ein guter Brauch, Dankeschön zu sagen, um Amtsträger an sich zu binden. Prälat Karl Rühringer erhält das Große Südmährische Ehrenzeichen in Gold für außerordentliche Verdienste um Südmähren, zu denen auch häufige Präsenz in Geislingen und Niedersulz gehöre. Dr. Hans-Jürgen Gölz und Ismail Mutlu wurden für Ihre langjährige Tätigkeit im Patenschaftsrat mit dem südmährischen Ehrenzeichen in Gold ausgezeichnet

Reinfried Vogler, Prälat Karl Rühringer, Ismail Mutlu, Dr. Hans-Jürgen Gölz, Franz Longin

Kulturpreis

Zur Verleihung des Südmährischen Kulturpreises, der höchsten Auszeichnung des Südmährerbundes, die dieser gemeinsam mit der Stadt Geislingen trägt, verlas OB Dehmer den Text der Urkunde, der zufolge Mag. Niklas Perzi den Preis für die Aufarbeitung des Vertreibungsgeschehens in den Heimatkreisen erhält und als Anerkennung seiner Bemühungen um die Annäherung von Nachkommen der Vertriebenen und Tschechen.

Niklas Perzi dankte für die Auszeichnung seiner Arbeit, die auf intensiven Gesprächen mit Vertriebenen basiere. Von 154.000 über die Grenze gejagten Südmährern hätten nur 10% in Österreich bleiben können. Auch über das Lager Melk und den Abschub 1946, den er ein unrühmliches Kapitel der österreichischen Geschichte nannte, arbeitete er, zumal man darüber heute wenig wisse. Politisch sei nicht viel vorangegangen. Die Sudetendeutschen seien als Verhandlungspartner in Prag nicht anerkannt. Demgegenüber sei erfreulich, dass es eine Versöhnungswallfahrt gebe, außerdem einen zweiten Gedächtniszug, der den umgekehrten Weg des Brünner Todesmarsches gehe. Grundsätzlich bekannte er, es liege an den Opfern, ob sie vergessen wollen und wann sie das tun wollen.

OB Frank Dehmer, Kulturpreisträger Niklas Perzi, Franz Longin

Franz Longin hob anstelle einer Laudatio hervor, dass die von Perzi gestaltete Ausstellung „Langsam ist es besser geworden“ von Verständnis für das Schlimme, das vorausgegangen war, getragen sei. Vaclav Havel habe moniert, dass zwischen Österreich und der Tschechei Gleichgültigkeit vorgeherrscht habe. Darin habe sich eigentlich über die Jahre hin nichts geändert. Longin dankte Perzi für seine verständnisvolle Darstellung und wünschte, das Buch zur Ausstellung möge Frucht bringen.

Damit war die Veranstaltung geschlossen und das Bundestreffen eröffnet.

Um 19.30 Uhr folgte eine Sommerserenade mit „Moravia Cantat“ unter Leitung von Dr. Wolfram Hader.

Südmährischer Sonntag

Jede große Festlichkeit beginnt bei den Südmährern mit der Heiligen Messe. Prälat Karl Rühringer (Wien) spricht in seiner Predigt von der verändernden Kraft des Gebetes. In Südmähren sei vor allem das Vaterunser gebetet worden.

Reinfried Vogler eröffnet die Kundgebung mit der Totenehrung und gedenkt speziell des verstorbenen Konrad Wieninger, der sich der Betreuung von Bibliothek und Archiv der Südmährer mit großer Aufopferung gewidmet hatte, er erinnert auch an die 54 Opfer vom März 1919. Die Stadtkapelle intonierte das Lied vom Guten Kameraden.

Reinfried Vogler begrüßt Sprecher Franz Longin, der 40 Jahre dieses Amt innehatte und die südmährische Volksgruppe zu einer geschlossenen Gemeinschaft gemacht hat. Dem Dank schließt der Redner Wünsche zu bleibendem Erfolg und Gesundheit.

Franz Longin begrüßt die Festversammlung und einzeln Prälat Paul Rühringer, Dekan Martin Ehrler, OB Frank Dehmer mit Gattin, den Festredner, Eberhard Stilz, von 2002 bis 2018 Präsident des Verfassungsgerichtshofs für das Land Baden-Württemberg, seit März 2013 Präsident der Stiftung Weltethos, Hermann Färber, MdB, Nicole Razavi, MdL , die Stadträte Dr.Eckert, Scheible, Maichle, Ziegler, Schweizer, Maschke und Stefan Maier, den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Johannes Schmalzl, Herbert Hellstern vom Innenministerium BW, die 2. Vorsitzende des Kirchenrats von St Maria, Bürgermeister aus Österreich, Gerhard Zeihsel, Bundesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich und Gattin, die Obleute Hans Günter Grech vom Kulturverband der Südmährer in Österreich und Brigitta Appel vom Heimat-und MuseumsvereinThayaland.

OB Dehmer heißt die Südmährer in Geislingen willkommen. Er berichtet über bewegendes Erlebnis. Anlässlich eines Besuches zum 90. Geburtstag einer Frau aus Muschau in Südmähren erzählt diese, wie sie mit Mutter, Großvater und Geschwistern vertrieben und schließlich in eine evangelische Ortschaft eingewiesen wurden, wo sie sehr beengt in einem kleinen Zimmer unterm Dach zu leben hatten. Der Großvater, fast 100, arbeitete beim Bauern. Sie wurde beschimpft und beleidigt wegen ihres Glaubens. Als Kindergärtnerin wurde sie nicht angenommen. Sie arbeitete bei der WMF und wurde dort wegen ihre Redeweise gehänselt, lernte dort aber auch ihren Mann kennen. Am Ende sei doch noch alles gut geworden. Solche Schicksale dürfen nicht in Vergessenheit geraten, es seien Lehren zu ziehen. Patenschaften können Erinnerungen wachhalten und weiterhin pflegen.

Präsident Stilz bekennt zu Beginn seiner Festansprache, Heimat und Vertreibung lägen ihm am Herzen in einer Zeit, in der man den Zustand der Welt als instabil, unsicher, komplex und mehrdeutig bezeichne und in der ein Lebensgefühl der Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Zukunftsangst herrsche. Für den Menschen ergibt sich aus der längsten Entwicklungszeit unter den Lebewesen die Notwendigkeit des Zusammenlebens, dieser entspricht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Dabei erwächst das Problem, wie Gemeinschaft zu begründen sei auf der Suche nach Identität angesichts des Gegensatzes von Verschiedenheit und Zugehörigkeit. Seit Tocqueville erachte man gemeinsame moralische Werte als gemeinschaftsbildend. In diesem Zusammenhang habe es Auseinandersetzungen um das Konzept der Leitkultur gegeben. Es gehe dabei weniger um Kultur, mehr um Gewohnheiten. Das Wort Heimat habe einen guten Klang, in Artikel 2 der Landesverfassung heißt es: „Das Volk bekennt sich zu dem unveräußerlichen Recht auf Heimat.“ Dieses Recht werde hier zum Staatsziel erklärt. Der Begriff beruhe auf Verbundenheit mit jenen, die die gleiche Heimat haben. Dahinter stehe das Menschenbild des Christentums, ergänzt durch die Errungenschaften der Aufklärung. Die Menschenwürde erwachse aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, der mit einem Gewissen begabt ist, das ihm eine Ahnung von Gut und Böse verschaffe. Zur Freiheit der Entscheidung berufen, trage er die Verantwortung für sein Tun und Lassen unter dem obersten Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Die meisten der Anwesenden würden sich so einem Menschenbild verbunden fühlen. Gelte das alles aber noch für die Mehrheit in unserem Land? Habe einer nur Heimat in unserem Land, wenn er explizit dem christlichen Menschenbild entspreche?

Gebe es nicht auch Werte, die von religionsfernen Menschen geteilt werden? Zu diesen Werten gehörten auch die  Errungenschaften der Aufklärung, besonders Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte. Die Bindung an diese äußere sich im Verfassungspatriotismus. Mit der Verfassung könne man sich auch identifizieren, wenn man die deutsche Geschichte nicht kennt und nicht hier geboren wurde. Religiöse Minderheiten könnten sich genau so angesprochen fühlen wie religionsferne Menschen. Werte müßten anerkannt werden, müssten bewusst sein, man müsse sie leben.

Heimat meine nicht nur die Verbundenheit mit einer bestimmten Landschaft. Wer dort keine geistige Heimat hat, bleibe fremd. Erst bewusst gelebte Werte verschafften wahre Zugehörigkeit. Der Respekt vor der Verfassung bewirke Zugehörigkeit zum Gemeinwesen. Gemeinden sind die Grundlagen der Demokratie, sie geben Bürgern Möglichkeiten zur Gestaltung, die ganz unmittelbar zur Zugehörigkeit verhelfen.

Der Redner ist sich sicher, dass die Südmährer ihre geistige Heimat längst gefunden haben, und ruft dazu auf, sich aus dieser nicht vertreiben zu lassen. Vielmehr sei sie zu pflegen und zu hegen im Verfassungspatriotismus. Dieser stehe im Zusammenhang mit der Vision eines vereinten Europa. Daran mitwirken zu könne, sei Geschenk und Auftrag. Wenn das europäische Projekt scheitert, hätten wir wieder einmal eine Heimat verloren.

Franz Longin dankte im Schlusswort Präsident Stilz. Zu den Bundestreffen gelte heute wie bisher die absolute Verbundenheit der Südmährer, die in Geislingen eine politische Heimat haben.  Seine Dankesworte richtete er schließlich an die Stadtkapelle, an die Polizei und das Deutsche Rote Kreuz, den Bauhof und die Stadt Geislingen selbst.

Mit dem Treffpunkt Geislingen beantworteten die Südmährer die Frage nach der Geschichte der letzten zweihundert Jahre. In Österreich, an der Grenze zur Tschechei, hätten die Südmährer die Grenztürme ihres geistigen Heimatbewusstseins.

Er schloss mit dem Motto seines Vorgängers Anton Seeman: „Südmähren lebt!“

Mit dem Abschluss der Kundgebung eröffneten sich die Möglichkeiten zu Treffen der Ortsgemeinschaften, Austausch von Erlebtem und mancherlei Nachrichten aus dem heimatlichen Bereich.

Um 13.30 traf sich die Junge und Mittlere Generation und hörte den Vortrag von Historiker Werner Imhof über das Zusammenleben der Deutschen und Tschechen vor 1945 und die unterschiedlichen Sehweisen bis heute. Danach gab Dr. Elke Krafka eine Vorschau auf das St.-Wenzel-Seminar, das in Zusammenarbeit mit dem Südmährischen Museum in Znaim Ende September veranstaltet wird.                                                          Gerald Frodl


Buchpräsentation in Znaim


Am 14. August 2018 fand in der Kreisstadt Znaim die Buchvorstellung der Neu-erscheinung in tschechischer Sprache „Kreis Znaim Südmähren. Die Vertreibung der Deutschen aus der Heimat 1945-1946“ statt.

Wie zuvor bereits in den anderen südmährischen Heimatkreisen plante auch der Heimatkreis Znaim die Herausgabe eines Buches, das die Schicksale der Landsleute bei der Vertreibung aus der Heimat in Zeitzeugenberichten aufzeichnete. Nach Fertigstellung des vierten Bandes in der Reihe der Vertreibungsberichte aus Süd-mähren und Südböhmen im Jahr 2017 wurde das Buch wie schon in den Heimat-kreisen Neubistritz und Nikolsburg nun auch im Heimatkreis Znaim in tschechischer Sprache aufgelegt. Nach gut einem Jahr an Vorbereitungen konnte die tschechische Ausgabe der Znaimer Vertreibungsberichte nun am 14. August 2018 in Znaim in der Znaimer Beseda (Vereinshaus), einem aufwändig restaurierten, ansehnlichen Gebäude am Unteren Platz (Masarykovo náměstí), im dortigen Stucksaal der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Dank des unermüdlichen Einsatzes von Dr. Jiři Kacetl vom Znaimer Verschönerungs-verein, Historiker im Südmährischen Museum Znaim und Gemeinderat in Znaim, konnten die Hürden bei Sprache, Genehmigung und Organisation bestens gemeistert und gleichzeitig ein Netzwerk zahlreicher Verbindungen genutzt werden, um das Buch im Rahmen einer Buchpräsentation der Znaimer Öffentlichkeit, den Organisationen in Znaim und Umgebung und der Znaimer Presse (mit Presse-berichten in allen drei Znaimer Zeitungen) vorzustellen. Zur Buchpräsentation selbst wurden die Bürgermeister und Räte der Stadt Znaim sowie die Bürgermeister aller heutigen 72 Gemeinden des früheren Kreises Znaim persönlich angeschrieben und mit je einem Buchexemplar zur Buchpräsentation eingeladen.

 

Vor der Veranstaltung in der Znaimer Beseda fand der traditionelle deutsche Gottesdienst in der Znaimer St.Niklas-Kirche statt. Die Anzahl der Gläubigen und der Landsleute war dort bereits erfreulich hoch. Der Einladung zur Buchpräsentation folgten sodann weit mehr als 100 Personen, darunter eine erfreulich hohe Zahl an interessierten jungen Besuchern. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch einen jungen aufstrebenden Pianisten aus Znaim mit klassischen Musikwerken am Flügel. Eine Powerpoint-Präsentation zeigte während der Veranstaltung einzelne Orte des Heimatkreises Znaim und gab Randinformationen.

Kreisbetreuer Wolfgang Daberger konnte zahlreiche Gäste namentlich begrüßen, darunter die beiden Vizebürgermeister von Znaim, Mag. Jan Blaha und Ing. Jakub Malačka, Stadträte und Gemeinderäte aus Znaim, Bürgermeister, Vizebürgermeister und Gemeindevertreter aus dem Kreis Znaim, darunter Bürgermeister Mag. Tomaš Třetina aus Mährisch Kromau, Bürgermeister Ing. Milan Jenšovsky aus Klein-Teßwitz, Bürgermeisterin Mag. Lenka Hodaňová aus Damitz, Bürgermeisterin Ing. Barbora Arndt aus Socherl, Vizebürgermeister Mag. Rostislav Rucki aus Selletitz, Gemeindevertreter aus Rausenbruck, ferner aus dem angrenzenden Nieder-österreich Vizebürgermeister Alfred Kliegl aus Retz und Oskar Sollan für die Stadt-gemeinde Poysdorf sowie für die Stadt Geislingen Dr. Karin Eckert. Für die Geistlichkeit nahmen Dekan Mons. Jindřich Bartoš aus Znaim und P. Andreas Brandtner, Prior im Prämonstratenser-Chorherrenstift Geras/NÖ. und Pfarrer von Langau/NÖ., teil.

Zahlreiche Landsleute aus Österreich und aus Deutschland sowie deren Nach-kommen aus dem Heimatkreis Znaim und darüber hinaus waren ebenfalls gekommen, um an der Buchpräsentation in der Kreisstadt Znaim teilzunehmen, darunter der Sprecher der Südmährer Franz Longin und für die südmährischen Landsleute in Österreich Dkfm. Hans-Günter Grech, Gerhard Zeihsel und Dr. Manfred Frey. Ein besonderer Dank galt den Mitgliedern des Znaimer Ver-schönerungsvereins um Dr. Jiři Kacetl für die Mithilfe und Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung.

Als offizielle Vertreter der Stadt Znaim sprachen die beiden Vizebürgermeister Mag. Jan Blaha und Ing. Jakub Malačka sowie der Sprecher der Südmährer Franz Longin jeweils Grußworte. Dr. Elke Krafka, Kulturbeauftragte des Südmährerbundes, referierte über die Entstehung der Vertreibungsbücher und über die vorliegende Znaimer Buchausgabe. Abschließend berichteten Franz Longin und Josef Vlasák, Heimatforscher in Znaim und Ehrenbürger von Znaim, als Zeitzeugen über ihre Gedanken und Erlebnisse zur Zeit der Vertreibung. Dank der Übersetzungen von Dr. Magdalena Havlová aus Brünn konnten alle Beteiligten dem Festakt unmittelbar folgen. Die Veranstaltung wurde mit klassischen Musikwerken bekannter Kom-ponisten umrahmt, was dazu beitrug, dass die Buchpräsentation sich recht kurzweilig gestaltete. Kreisbetreuer Wolfgang Daberger beendete den offiziellen Teil der Veranstaltung mit dem Dank an die Podiumsteilnehmer und einem kleinen Präsent und lud alle Gäste zur anschließenden Begegnung und zum Gedankenaustausch bei Brot und Wein ein. Viele gute Kontakte für zukünftige Projekte konnten dabei geknüpft werden.

Sehr großes Interesse zeigten die Besucher der Veranstaltung an der vorgestellten Neuauflage des Buches, das vor Ort bereits in zahlreichen Exemplaren Abnahme fand. Die tschechische Ausgabe der Vertreibungsberichte wird auch in der Znaimer Buchhandlung Comenius zum Verkauf angeboten und erfreut sich dort ebenfalls einer regen Nachfrage.

Ein herzlicher Dank gilt dem Znaimer Verschönerungsverein (okrašlovací spolek) und den Mitgliedern der Jungen und Mittleren Generation im Südmährerbund e.V. (JMG Südmähren) für die tatkräftige Unterstützung des Heimatkreises Znaim bei der Durchführung der Veranstaltung.

Ein ausführlicher Online-Pressebericht vom 15.08.2018 findet sich auch unter https://znojemsky.denik.cz/kultura_region/krumlov-koncentracni-tabor-pro-nemce-vzpominaji-pametnici-povalecneho-odsunu-20180815.html.


70. Bundestreffen der Südmährer

Urkundliche Bestätigung der Patenschaft


 

OB Frank Dehmer, Kulturpreisträgerin Inge Deeg, Sprecher Franz Longin

Am Samstag, dem 28. Juli, wurde das Treffen in der Jahnhalle in Geislingen feierlich eröffnet. Reinfried Vogler, zweiter Vorsitzender im Südmährerbund, führte durch die Veranstaltung. Einleitend erinnerte er an Epocheneinschnitte, die mit der Endzahl 8 verbunden sind: 1618, 1848, 1918 mit dem Versuch, Europa nationalstaatlich neu zu strukturieren, was aber nicht konsequent genug durchgeführt wurde, 1938 mit der Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts für viele Sudetendeutsche, 1948 mit der Eingliederung der Tschechei in den Ostblock, 1968 mit einem Ausbruchsversuch und zerstörter Hoffnung.

Die Gesangs- und Tanzgruppe Moravia Cantat begleitete die Veranstaltung mit musikalischen Darbietungen.

Auftritt von Moravia Cantat

Sprecher Franz Longin äußerte Dankbarkeit gegenüber der Stadtgemeinde für 70 Jahre Bundestreffen und 65 Jahre Patenschaft, für Integration und Resonanz. Daneben würdigte er die Bewahrung südmährischer Erinnerungsorte in Österreich sowie die jährliche Repräsentanz durch die niederösterreichischen Bürgermeister bei den Treffen in Geislingen. Er begrüßte die Ehrengäste: Oberbürgermeister Frank Dehmer und Gattin, Ministerialdirektor Julian Würtenberger vom Innenministerium Baden Württemberg, Dr. Christine Absmeier, die Leiterin des Hauses der Heimat in Stuttgart, Patenschaftsräte und Stadträte, Altbürgermeister Hubert Baier von Drasenhofen und den Bürgermeister von Reingers, Andreas Kozar, dessen Vorgänger Christian Schlosser, Gerhard Zeihsel, Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich, den Obmann des Arbeitskreises Südmähren Josef Mord und anwesende Kulturpreisträger.

Oberbürgermeister Frank Dehmer hieß Franz Longin und seine Gattin willkommen und nach ihnen alle Südmährer aus den vier Heimatkreisen. Er begrüßte auch die schon vom Sprecher genannten Ehrengäste. Mit den Südmährern eine ihn die Bemühung, die Ungerechtigkeit der Vertreibung nicht vergessen zu lassen. In 70 Jahren hätten sich die Worte, mit denen an dieses Verbrechen erinnert wurde, zwar verändert, nicht aber der Inhalt. Der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, sei dem, zumindest Gerechtigkeit zu erfahren, gewichen. Es bleibe der Wunsch, dass die Verantwortlichen in Tschechien das getane Unrecht eingestehen und somit Zeichen setzen, was bis heute nicht geschehen sei. Begegnungen zwischen deutschen und tschechischen Jugendlichen in Geislingen wertete er im Hinblick auf erhoffte Einsichten und Annäherungen, er dankte Frau Dr. Karin Eckert für ihre Vorbereitung dieser Treffen. Die Geschichte der Vertreibung nicht vergessen zu lassen und die Geschichte Südmährens aufzubewahren sei der Kern der Patenschaft. Die Stadt Geislingen  habe dazu in 70 Jahren ihren Beitrag geleistet und werde dies auch weiterhin tun. Er freue sich auf weitere Zusammenarbeit und auf dieses und fernere Treffen.

Ministerialdirektor Julian Würtenberger vom Innenministerium überbrachte die Grüße der Landesregierung und versprach weiterhin begleitende Sympathie für kommende Treffen. Die 70 Jahre Bundestreffen verglich er mit dem, was früher als Lebensspanne galt, er rühmte ihre beachtliche Tradition als Beleg einer Stabilität der Beziehung in Treuen, was man in der Ehe mit der Gnadenhochzeit bewerte. Die Aufmerksamkeit, die das Treffen finde, zeige, wie aktuell die deutsche Geschichte Südmährens sei.

Ministerialdirektor Julian Würtenberger

 

Der Redner bezeichnete die Vertreibung als unmittelbare Folge des von Deutschen begonnenen 2. Weltkrieges. Unzählige Verbrechen der NS-Diktatur seien ihr vorausgegangen. Unrecht könne aber nicht durch Unrecht beseitigt, Leid nicht durch Leid geheilt werden. Die Geschichte der Südmährer sei weitergegangen in der Bewahrung ihrer Tradition in der neuen Heimat. Mit ihrem Aufbauwillen seien die Südmährer für das Land Baden-Württemberg ein Gewinn gewesen. Der Dank des Landes sei ihnen auch in Zukunft gewiss. Ohne die Vertriebenen stünde das Land heute nicht so gut da. Abschließend fragte er, was das Land für die Südmährer sein könne. Die Antwort fand er am Ende der „Ahnenpyramide“ von Ilse Tielsch.

Danach kam es zur Verleihung des Südmährischen Kulturpreises  durch OB Frank Dehmer und Sprecher Longin an die Schriftstellerin Inge Deeg, deren Roman „Daheim ist nicht daheim“  beispielhaft das Schicksal von Vertriebenen darstelle.

In ihrem Dankeswort erklärte Frau Deeg ihre Schreibabsicht. Sie habe in Zusammenarbeit mit ihrer Mutter bewahren wollen, was Mutter und Großmutter von daheim erzählt hatten, zunächst für sich und ihre Kinder, es könnten sich aber viele andere Menschen in der erzählten Geschichte wiederfinden.

Nachdem Landsmann Vogler alle Anwesenden ermahnt hatte, aufzuschreiben, was sie von der Heimat wissen, hielt Frau Dr. Elke Krafka die Laudatio.

Die Familie der Autorin wurde zunächst nach Österreich vertrieben und dann nach Westdeutschland abgeschoben, wo sie sich später in Mannheim ansiedelte. Der Vater befand sich in Kriegsgefangenschaft.

Inge Deeg wurde 1957 in Mannheim geboren und studierte an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg für das Lehramt in Deutsch und Kunst. Sie unterrichtete an Grundschulen in Stuttgart und Mannheim. 1988 übersiedelte sie nach Freiburg im Breisgau und konzentrierte sich auf ihre neugegründete Familie. Ab 1995 erfolgte der Wiedereinstieg in den Beruf als Lehrerin. 1998 beendete sie ihre Berufstätigkeit, um Zeit für die Erziehung ihrer drei Kinder zu haben. 2013 begann ihre schriftstellerische Arbeit. 2015 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Daheim ist nicht daheim“, mit dem sie einen großen Erfolg erzielte. Im Mittelpunkt stehen Erzählungen ihrer Mutter. In „Reise in die Vergangenheit“ geht es um eine Reise mit ihrer Tochter in die Heimat der Mutter. Noch reklamiert die Erlebnisgeneration für sich die Wahrheit über die Ereignisse, jetzt bekommen auch nachfolgende Generationen ihre Stimme.

Abschließend las Frau Deeg aus beiden Werken. Nach einem gemütlichen Beisammensein mit Tanz-und Gesangseinlagen von Moravia Cantat, der Südmährischen Sing-und Spielschar, klang die Veranstaltung gegen 21 Uhr aus.

Ehrengäste beim 70. Bundestreffen, v.l. Reinfried Vogler, Hermann Färber MdB, Konrad Epple MdL, Nicole Razavi MdL, Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann, Sprecher Franz Longin, OB Frank Dehmer

Am Sonntag versammelten sich die Südmährer in der Jahnhalle zur Festmesse. In der Predigt berief sich Weihbischof Matthäus Karrer (Diözese Rothenburg/Stuttgart) auf den Apostel Paulus, der seiner Gemeinde in Ephesus entscheidende Worte mit auf den Weg gibt, die zu Frieden und Versöhnung mahnen. Es seien Wege des Kompromisses in der Begegnung mit anderen zu suchen. Zum Christsein gehöre es, über Werte nachzudenken, über eigene wie die der anderen. In der Taufe sei uns die die Geborgenheit Gottes geschenkt worden. Auf dieser Basis könnten Wege zur Versöhnung und Frieden gefunden werden. Aus dem Glauben heraus lasse es sich auch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

Die Hauptkundgebung begann mit der Totenehrung. Reinfried Vogler würdigte stellvertretend Rudolf Bar, einen der Mitbegründer der südmährischen Vereinigung und der Südmährischen Sing- und Spielschar, er sei bis in sein letztes Lebensjahr treuer Begleiter geblieben, der die südmährische Gemeinschaft geprägt habe. Die Kapelle spielte „Ich hatt‘ einen Kameraden“.

Franz Longin begrüßte die Gäste, insbesondere Oberbürgermeister Frank Dehmer und Gattin, die Kultusministerin von Baden Württemberg, Dr. Susanne Eisenmann, Landrat Edgar Wolff, Hermann Färber MdB, die ehemalige Bundestagsabgeordnete Erika Reinhardt, als Vertreter des Landes  die Landtagsabgeordneten Nicole Razavi und Konrad Epple, mehrere Stadträte als demokratische Anwälte der Südmährer, Dr. Karin Eckert, Hans Peter Maichle, Prof. Werner Ziegler, Dr. Hans Jürgen Gölz, den Dekan von St Maria Martin Ehrler, die zweite Vorsitzende des Kirchenrates und ihre Vorgängerin, als österreichische Gäste den Bürgermeister von Reingers, seinen Vorgänger und den Bürgermeister von Drasenhofen, Hubert Baier, den Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Österreich, Gerhard Zeihsel und Gattin, den Obmann des südmährischen Kulturverbandes in Österreich, Hans Günter Grech und Gattin, Prof. Heinz Brandl mit Gattin, den Obmann des Heimatkreises Südmähren Josef Mord, Klaus Hoffmann als Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Schulleiter Christoph Straub.

Oberbürgermeister Frank Dehmer bedankte sich zu Beginn seines Grußwortes bei der Stadtkapelle, dann hieß er die Südmährer und die Ehrengäste in seiner Stadt willkommen. Geislingen habe vor 65 Jahren als dritte und damit eine der ersten Patenstädte im Lande eine solche Verbindung geschlossen. Diese werde im Anschluss urkundlich bekräftigt werden. Er wiederholte seine Aussage vom Vortage bezüglich der Erwartungen der Vertriebenen und der Haltung der Regierung in Prag. Die Geschichte der Vertreibung nicht vergessen zu lassen und die Erinnerung an die Geschichte der Vertriebenen und deren Schicksale, aber auch die Geschichten aus der Heimat in Südmähren wachzuhalten, gehöre zum Kern der Patenschaft. Er freue sich auf weitere Zusammentreffen und wünsche den Südmährern viele schöne Gespräche.

Landrat Edgar Wolff hob in seinem Grußwort das Treffen als ein Fest des Wiedersehens und der Heimatverbundenheit, der Kontinuität und der Zunftsperspektive hervor. Er blickte auf das Jahr 1946 zurück, als alle 14 Tage Transporte mit Vertriebenen am Göppinger Bahnhof eintrafen, die meisten aus dem Sudetenland und aus Ungarn. Sie wurden auf 5 Durchgangslager in Göppingen verteilt. Der 2. Transport kam am 19. Jänner 1946 mit 941 Personen aus der Umgebung von Znaim, von dort folgten auch weitere. Am 28. April kamen 138 Menschen nach Geislingen. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Bevölkerung des Kreises um ein Drittel an. Damals lebten ganze Familien in einzelnen Zimmern, in überfüllten Baracken. Sie seien nicht überall willkommen gewesen. Auch vor 70 Jahren sei Integration keine leichte Aufgabe gewesen. Nachdem die Hoffnung auf Heimkehr abgeklungen war, habe man Häuser und Betriebe aufgebaut. Der Landkreis habe stark von Aufbauwillen und -arbeit der Vertriebenen profitiert, noch heute sei die Identität des Kreises davon geprägt. Die Bevölkerung sei vielfältiger und offener geworden. Anlass zur Freude sei auch, dass die Patenschaft nun bestätigt werde. Auch für die Zukunft wünsche er Einsatzbereitschaft für ein friedliches Miteinander.

Zur Unterzeichnung der Bestätigung der Patenschaft traten Oberbürgermeister Frank Dehmer und Sprecher Franz Longin auf die Bühne (s. Seiten ….)

 

Danach überreichte er Dekan Ehrler das Große Goldene Ehrenzeichen der Südmährer für treue Partnerschaft und geistlichen Beistand, das Goldene Ehrenzeichen an Oberbürgermeister Dehmer für seine kundige Unterstützung.

Die Festrede hielt Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann (CDU). Anerkennend nannte sie die Pflege kultureller Wurzeln und wandte sich dann dem Begriff Heimat zu, der wie der Begriff Integration eine neue Bedeutung erhalten habe. Heimat sei gegenwärtig eine Modewort, aber Wurzeln und innere Gebundenheit seien heute wichtiger denn je, aber in einem nicht ausgrenzenden Sinne. Demokratie lebe davon, daß die Bürger in ihr heimisch sind.

v.l. Reinfried Vogler, Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann, Franz Longin

Flucht und Vertreibung seien die Folgen des von Deutschland ausgelösten 2. Weltkriegs, 12 Millionen Deutsche mussten aus ihrer Heimat im Osten fliehen und wurden noch Jahre nach dem Kriege vertrieben aus einem Gebiet, das über viele Jahrhunderte Deutschen Heimat gewesen war. Hunderttausende hätten unter chaotischen Umständen den Tod gefunden. Danach hieß es, aus Flüchtlingen willkommene Menschen zu machen, die Heimat aufbauen konnten. Der Kreis Göppingen sei ein Beispiel für die Bereitschaft, Entwurzelten Perspektive zu geben. Die Südmährer hätten die Herausforderung, sich auch in die Gesellschaft aktiv einzubringen, angenommen, sich nicht der Resignation überlassen, sondern den Willen gezeigt, gemeinsam ein demokratisches Deutschland aufzubauen. Integration konnte so gelingen und Gemeinsamkeit schaffen. Kulturelle Werte und die Rechtsordnung böten jetzt die Grundlage für Integration. Die Südmährer würden gebraucht als lebendiger Beweis dafür, wie Integration gelingen kann. Das vereinigte Europa sei Privileg und Verpflichtung, es sei mehr als freies Reisen und Entlastung vom Geldumtausch. Europa brauche eine innere Identität, in der inneren Vielfalt liege seine Stärke. Gerade die Südmährer seien für einen modernen Heimatbegriff zuständig. Zur Erziehung der Jugend sei für die Geschehnisse der Vergangenheit Bewusstheit und Verantwortung gefordert. Dazu seien  Jugendaustausch und -begegnung zu fördern. Die gut integrierten Südmährer hätten beim Weitergeben des durch Integration Erreichten sicher etwas zu leisten für die Gestaltung der Zukunft durch die nachfolgenden Generationen.

Reinfried Vogler dankte Franz Longin für viele Jahre der Arbeit für Südmähren und stellte fest, dass die funktionierende Organisation der Südmährer ihre gute Allgemeinverfassung Franz Longin zu verdanken habe.

Franz Longin dankte in seinem Schlusswort Reinfried Vogler, er dankte der Stadt Geislingen im Hinblick auf die Bereitstellung der Lokalität mit der dazugehörigen Einrichtung, erwähnte die besondere Leistung der Stadtkapelle, er dankte den Mitarbeitern der Geschäftsstelle, besonders Volker App, der die Planung und Durchführung perfekt gelöst habe, er dankte der Polizei und dem Deutschen Roten Kreuz und den Fahnenträgern. Danach stellte er einen Südmährischen Kalender vor, erstmals für 2019 gemacht, der schon zu kaufen sei.

Dass man heute wieder über Heimat reden könne, erfülle ihn mit Genugtuung, denn die Vertriebenen seien mit ihrem Festhalten am Begriff immer in die rechte Ecke geschoben worden. Für sie werde Heimat aber weiterhin gelten wie die Fahnen, die schon seit langer Zeit zu ihrer Identität gehören.

Er erinnerte daran, dass die Heimatvertriebenen sich schon 1950 in Stuttgart  verpflichteten, Europa mitzugestalten. Die Heimatvertriebenen seien ins eigene Volk vertrieben worden, ihre sei eine andere Integration als die jetzt zu leistende. Die Vertriebenen hätten diese Integration vollbracht und sich eine zweite Heimat erarbeitet. Der Weg heute sei ungleich anders, aber er müsse bewältigt werden. Gefährlich seien die Trennungen zwischen den Völkern, das Gegeneinander in Handelskriegen.

Seinen Dankesworten schloss er noch einen Dank an die katholische Kirche an, die den Südmährern Heimat geblieben sei. Danach dankte er allen Gästen für ihr Hiersein und ihre Aufmerksamkeit.

Anschließend trafen sich die Ortsgemeinschaften in der Jahnhalle. Die Junge und Mittlere Generation versammelte sich um 13.30 Uhr zu einer Veranstaltung, bei der in einem Zeitzeugenbericht eine unglaubliche Lebensgeschichte vorgetragen wurde. Der Treffpunkt Südmährern im Alten Rathaus war ab 14.30 Uhr geöffnet.

Südmähren – wo kann man es finden?

Franz Longin überreichte Alfred Zitzwarek den Josef-Löhner-Preis in Anerkennung seiner langjährigen hervorragenden Leistungen in der Südmährischen Heimatorganisation – als Ortsbetreuer seiner Heimatgemeinde, als Organisator von Ortstreffen u. v. m.

 


Bekräftigung der im Jahr 1953 übernommenen Patenschaft der Stadt Geislingen über die Südmährer


 

 

Im Rahmen des 70. Bundestreffens und der 65-jährigen Patschaft der Stadt Geislingen zur Heimatlandschaft Südmähren unterzeichneten Oberbürgermeister Frank Dehmer und Sprecher Franz Longin die Ehrenpatenschaftsurkunde. Der Oberbürgermeister berichtete, dass Franz Longin im Vorjahr diesen Schritt angeregt habe, zur Unterzeichnung der Urkunde sei man jetzt zusammengekommen. Die Urkunde bestätige die Patenschaft. Franz Longin ergänzte, mit der Urkunde werde festgelegt, was zu tun sei, wenn die Unterzeichner nicht mehr leben, sie verbürge, dass sich die Nachfahren der Vertriebenen aus Südmähren und Südböhmen in dieser Stadt zu Hause fühlen können. Der Text der Vereinbarung wir in einer späteren Ausgebe veröffentlicht.

Franz Longin und OB Frank Dehmer bei der Unterzeichnung der Ehrenpatenschaftsurkunde

 

VEREINBARUNG

zwischen

Stadt Geislingen an der Steige Hauptstraße 1, 73312 Geislingen an der Steige vertreten durch den Oberbürgermeister Frank Dehmer – im Folgenden kurz „Stadt“ genannt –

und

Südmährerbund e.V. Hauptstraße 19, 73312 Geislingen an der Steige vertreten durch den Vorsitzenden Franz Longin – im Folgenden kurz „Südmährerbund“ genannt –

Vorbemerkung

Der Südmährerbund betreibt in den Räumlichkeiten der Stadt in der Hauptstraße 19 den „Treffpunkt Südmähren“ Hierzu gehören insbesondere die Geschäftsstelle, die Sammlungen, eine Bücherei sowie eine der Öffentlichkeit zugängliche Ausstellung (Treffpunkt).

Die Stadt hat im Jahr 1953, bekräftigt durch Urkunde vom 27.07.1968, die Patenschaft für die Südmährer übernommen.

Zur Sicherung von Treffpunkt, Geschäftsstelle, Sammlungen und Bücherei für künftige Generationen schließen der Südmährerbund und die Stadt die nachfolgende

Vereinbarung

  1. Solange der Südmährerbund dazu in der Lage ist, Treffpunkt, Geschäftsstelle Sammlungen und Bücherei in eigener Regie zu betreiben, verpflichtet sich die Stadt als Ausfluss der Patenschaft, dem Südmährerbund die Räumlichkeiten in der Hauptstraße 19 in Geislingen zu diesem Zweck zur Verfügung zu stellen.
  2. Sollte der Südmährerbund nicht mehr in der Lage sein, Treffpunkt, Sammlungen und Bücherei in eigener Regie zu betreiben, verpflichtet sich die Stadt, diese Aufgaben im Sinne einer öffentlichen Einrichtung (z.B. als Teil der Stadtbücherei) zu übernehmen und damit in der Historie der Stadt zu erhalten.
  3. Der Südmährerbund hat der Stadt den Umstand, dass er nicht mehr in der Lage ist, Treffpunkt, Geschäftsstelle, Sammlungen und Bücherei in eigener Regie zu betreiben, mit einer Frist von mindestens sechs Monaten auf den Beginn eines Quartals anzuzeigen. Zugleich mit dieser Anzeige hat der Südmährerbund der Stadt mitzuteilen, welche Teile der Sammlungen und der Bücherei ihm gehören und welche Teile möglicherweise andere Eigentümer haben (z.B. Leihgaben). Südmährerbund und Stadt verpflichten sich, auf den Zeitpunkt des Übergangs der Trägerschaft den Eigentumsübergang von Sammlungen und Bücherei vom Südmährerbund auf die Stadt zu vereinbaren und die Fremdobjekte den jeweiligen Eigentümern zurückzugeben.
  4. Die Stadt verpflichtet sich, Im Rahmen der aufgrund der Entscheidungen des Gemeinderats verfügbaren Mittel Treffpunkt, Sammlungen und Bücherei zu betreiben, zu unterhalten, zu erhalten und der Öffentlichkeit weiterhin zu Besuchs-, Forschungs­und Auskunftszwecken zugänglich zu machen und zugänglich zu halten. Dazu gehört auch die Annahme von Schenkungen oder Gegenständen aus letztwilligen Verfügungen in den Bestand.
  5. Eine Abgabe von Treffpunkt, Sammlungen und Bücherei an eine Zentraleinrichtung außerhalt der Stadt ist nur möglich, wenn dieses aufgrund zwingender öffentlicher Interessen im Sinne des Erhalts und der Zugänglichkeit der Sammlungen unumgänglich ist. Eine Abgabe kann nur an eine sudentendeutsche Einrichtung (Sudetendeutsches Stiftung, Sudetendeutsches Museum, o.ä.) oder das Land Baden-Württemberg an eine landeseigene Einrichtung mit entsprechendem geschichtlichen Hintergrund erfolgen. Die Verlagerung von Treffpunkt, Sammlungen und Bücherei in gleich- oder höherwertige Räumlichkeiten der Stadt ist zulässig.
  6. Eine einseitige Kündigung dieser Vereinbarung, gleich aus welchem Grund, ist ausgeschlossen.
  7. Änderungen und Ergänzungen dieser Vereinbarung bedürfen zu ihrer Rechtswirksamkeit der Schriftform. Das gilt auch für das Schriftformerfordernis selbst.
  8. Sollten einzelne Bestimmungen dieser Vereinbarung unwirksam oder undurchführbar sein oder werden, so wird dadurch die Gültigkeit des übrigen Vertragsinhalts nicht berührt. Die Vertragsparteien sind verpflichtet, die unwirksame oder Undurchführbare Bestimmung durch diejenige gültige Bestimmung zu ersetzen, die der unwirksamen oder undurchführbaren Bestimmung am nächsten kommt und die den Erhalt und die Zugänglichkeit von Sammlungen und Bücherei sicherstellt. Im Falle einer Regelungslücke gilt das Vorstehende sinngemäß.

Geislingen, den 29. Juli 2018

 


Südmährer beim Tag der Begegnung am 7.Oktober in Geislingen


Im Gemeindesaal der Pfarrei St.Maria begrüßte Sprecher Franz Longin die versammelten Landsleute und als Gäste Vertreter der Stadtgemeinde, Frau Dr. Karin Eckert, Holger Scheible und Roland Funk. Der Sprecher rief die Gemeinschaft der Heimatvertriebenen auf, sich der wichtigsten Aufgabe der Sudetendeutschen zu stellen, die darin bestehe, in der Tschechei das Unrecht zu beseitigen und das Recht wiederherzustellen.

Stadtrat Holger Scheible bei seinem Grußwort

 

 

 

Reinfried Vogler als Tagungsleiter wandte sich gegen den Vorwurf, Veranstaltungen wie diese seien gänzlich rückwärtsgerichtet. Die Arbeit für die Zukunft sei nur auf der Basis der Geschichte möglich. Stadtrat Holger Scheible überbrachte den Willkommensgruß der Stadt und ihrer Vertreter und bekräftigte die von Franz Longin umrissene Rechtsposition.

Das erste Referat des Tages hielt Ralf Pasch, dessen Großeltern väterlicherseits aus dem Riesengebirge kamen, dessen Großmutter Tschechin war, der die Familie viel zu verdanken hatte. Er sprach über den langen Vorabend der ersten tschechischen Republik und blickte dazu weit in die Vergangenheit zurück.

Ende des 18.Jh. gab es einen sogenannten böhmischen Landespatriotismus, vorangetrieben von deutschen Adligen, später gemeinsam mit tschechischen Intellektuellen, u.a. Graf Nostitz, Graf Kinsky. Man erstrebte eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber dem Wiener Zentralismus, wie er seit Kaiser Josef II., der Deutsch als Amtssprache festsetzte, gewachsen war. Der böhmische Landespatriotismus, aus dem der tschechische Nationalismus erwuchs, war anfangs ein deutsch-tschechisches Projekt. Wiege des tschechischen Nationalismus war der Kreis um Nostitz. Josef Dobrovsky und sein Schüler Josef Jungmann wurden zu Erneuerern der tschechischen Sprache. Innerhalb dieser Gruppe nationaler Erwecker kam es bald zu Auseinandersetzungen über verschiedene Wege, insbesondere in der Beurteilung der (von Hanka gefälschten) Königinhofer Handschrift. Zum tschechischen Nationalismus entwickelte sich eine deutsche Gegenposition.

Das Ende des Heiligen Römischen Reiches wirkte als Krisenmoment. In dem entstandenen Vakuum suchte man 1805 einen deutsch-österreichischen Nationalismus zu begründen. Außenminister Johann Philipp Graf Stadion wollte Napoleon mit seinen eigenen Waffen schlagen und ein System zur Volksbewaffnung realisieren. Landwehren wurden aufgestellt. Man wollte weg vom Zentralismus, das tschechische Projekt wurde gestützt. 1818 wurde das Landesmuseum als Vaterländisches Museum in Böhmen gegründet, seit 1848 Böhmisches (Česke) Museum, 1854 Museum des Königreichs Böhmen, zunächst deutsch-böhmisch orientiert, unter dem Einfluss von Franz Palacky wird es tschechisch-national. 1831 wurde ein Verein zur Förderung der tschechischen Sprache und Kultur gegründet. Palackys Geschichte von Böhmen, später Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren, eine tschechische Geschichte, beruht auf dem Kampf mit dem Deutschtum. Zur Grundlegung seiner Sicht berief sich Palacky auf Herder. Auf deutscher Seite fehlte ein ebenbürtiger Gesprächskontrahent, ja, bis 1930 gab es kein eigenständiges deutsches Geschichtsbild.

Bis in die Mitte 19.Jh. hielt sich das Projekt eines gemeinsamen böhmischen Nationalismus. Leo Graf von Thun äußerte 1848, er sei weder ein Tscheche noch ein Deutscher, sondern ein Böhme. Er und andere deutsche Adlige erkannten nicht die Zeichen der Zeit: Der Adel gab seine Führungsrolle auf, das tschechische Bürgertum übernahm die Führung. Das zeigte sich 1848, als in Prag Deutsche und Tschechen gemeinsam auf die Barrikaden gingen, um die Gesellschaft zu verändern. Dabei sollte die Monarchie als Dach über dem Ganzen erhalten bleiben.

Zur Wahrung ihrer Nationalität wurde der Verein der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien gegründet, als Reaktion auf eine tschechische Aktion, vom Gründer als „Bollwerk gegen die Slawomanen“ bezeichnet. Als 1848 die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt zur Verwirklichung einer großdeutschen Lösung zusammentrat, bekamen Palacky und die tschechischen Reichsratsabgeordneten in Wien Einladungen, folgten ihnen aber nicht. Ein Anschluss des deutschen Österreichs hätte nach Palackys Meinung Selbstmord und den Untergang des tschechischen Elements bedeutet. Sein Schwiegersohn František Ladislav Rieger trat im Wiener Parlament für die Vereinigung der slawischen Völker in der Monarchie ein, die stark von Russland gefördert wurde. Slawen seien die größere Macht des Staates, ihr Geld und ihr Blut erhalte den Staat, aber nur so lange, wie sie wollten, werde Österreich bestehen. Andererseits sollte auch ein Nationalstaat unter dem Dach der Monarchie bestehen bleiben.

Historiker sehen 1848 als ein Schicksalsjahr, von da ab trennten sich die Wege der Deutschen und der Tschechen. Es entwickelte sich eine Parallelgesellschaft, befördert durch politische Entscheidungen wie die von 1867 im deutsch-ungarischen Ausgleich, worauf die Tschechen eine ähnliche Lösung forderten. In einem Trialismus wäre ihnen mehr Eigenständigkeit zugekommen. Annäherungen und Überlegungen in dieser Richtung waren vorhanden, scheiterten aber. Auf beiden Seiten erwuchs eine zunehmende Radikalisierung, wobei sich die Deutschen immer stärker in der Defensive fühlten.

In Prag gab das deutsche Ständetheater, 1783 gegründet, auch tschechische Vorstellungen, doch die Tschechen, damit nicht zufrieden, gründeten 1862 ein tschechisches Interimstheater das tschechische Ensemble zog um, 1868 erfolgte die Grundsteinlegung, 1883 die Eröffnung des tschechischen Nationaltheaters. Daraufhin wurde ein zweites deutsches Theater vorgeschlagen. Nachdem dieses vom böhmischen Landtag abgelehnt worden war, erging eine Spendensammlung, mit der das Neue Deutsche Theater erbaut und 1888 eröffnet wurde.

Neben dem politischen und kulturellen Nationalismus bestand auch ein ökonomischer. Die Industrialisierung kam etwas verspätet ins Land, für den Gesamtstaat war Böhmen aber bald sehr bedeutend, weil dort wichtige Industriezweige lagen, Glas- Porzellanindustrie fast zu 100 %, zunächst in deutscher Hand, in der Textilindustrie und anderen gab es sehr viele jüdische Hersteller. 1868 wurde die tschechische Gewerbebank für Böhmen und Mähren gegründet, die grundsätzlich nur tschechische Betriebe förderte. Auf deutscher Seite erfolgte erst 1911 die Gründung der Kreditanstalt der Deutschen.

Die nationale Turnerbewegung des Turnvaters Jahn fand auch in Böhmen Nachahmer, 1862 wurde der Sokol (Falke) in Prag gegründet, in Österreich gab es seit 1845 Turnvereine, 1889 wurde der Deutsche Turnerbund gegründet, 1919 der Deutsche Turnerbund in der Tschechoslowakei.

Auf beiden Seiten wurden sogenannte Schutzvereine gegründet, die Geld sammelten, um das Schulwesen zu fördern, Minderheiten zu stützen, die Kultur zu fördern, in wirtschaftlichen Fragen zu helfen, karitativ zu wirken. Von den Deutschen wurde 1880 der Bund der Deutschen gegründet, der die Kreditanstalt gründete.

Die neue Sprachverordnung von Badeni stellte 1897 beide Sprachen als Amtssprachen gleichberechtigt nebeneinander, bis 1901 sollten alle Beamten beide Sprachen beherrschen. Protest erhob sich vor allem auf deutscher Seite, es gab Massendemonstrationen; die Reformen wurden 1899 zurückgenommen, Badeni entlassen. 1905 kam es zum Mährischen Ausgleich, da man dort dem böhmischen Zentralismus ablehnend gegenüberstand. Die sprachliche Orientierung der Ämter und Schulen wurde so geregelt, dass sie proportional der Stärke der Nationalitäten entsprach.

 

   v.l. Franz Longin, Ralf Pasch, Jan Sicha, Reinfried Vogler

 

Alles , was danach kam, hat dazu geführt, dass die Trennung zwischen den Nationalitäten immer radikaler wurde, im ersten Weltkrieg gingen tschechische Protagonisten wie Masaryk und Benesch ins Exil; vom Dach der Monarchie hatte man sich abgewendet. Als 1918 die erste tschechoslowakische Republik gegründet wurde, kam es zur Umkehrung der Verhältnisse: Staatsvolk waren die Tschechen und die Slowaken, die Deutschen wurden zur nationalen Minderheit. Die Minderheitenfrage wurde nicht wirklich gelöst, es fehlte ein Identifikationsangebot.

 

Reinfried Vogler ergänzte, dass die Grenzziehung von 1918 eine nach dynastischen Prinzipien war, ohne dass man eine Dynastie gehabt hätte. Eine Anpassung an die Sprachgrenze fehlte. Daher erfolgte 1938 die Zustimmung der Alliierten zur Abtretung.

       Dr. Elke Krafka stellte das Jahrbuch 2018 vor,  das ab sofort bei der Geschäftsstelle zu beziehen ist (siehe Seite 959)

Auch Jan Šicha, der Referent des Nachmittags, konnte einen sudetendeutschen Großvater vorweisen, er selbst sei in Aussig geboren. Zum tschechischen Nachkriegsstaat von 1918 erwähnte er im Anschluss an das Referat von Rolf Pasch die Erschießung von Deutschen durch die tschechische Polizei. Man habe die Adelstitel abgeschafft, weil man dieses Erbe nicht mehr brauchte. Die Modernität des neuen Staates habe sich als nicht so schnell realisierbar erwiesen. Die Hoffnung auf einen eigenen Weg zum Sozialismus habe sich als trügerisch herausgestellt, deutlich werde dies am Beispiel Bodenreform. Die 1. Republik sei in vielen Bereichen gut gemeint gewesen, aber die weitere Entwicklung habe gezeigt, dass man zu Respektierendes nicht respektiert hat.

Vor 40 Jahren sei die Charta 77 formuliert worden, eine Bürgerinitiative, ihrem Wesen nach ziemlich böhmisch in ihrer Absicht, indirekt etwas zu schaffen, aus dem Nichts etwas zu schaffen. Der Referent sieht darin etwas typisch Böhmisches mit den kreativsten Adeligen, Juden, Kapitalisten in Mitteleuropa, Exportweltmeistern mit Geschmack, als Beispiele nannte er Gablonzer Schmuck, Musikinstrumente aus Westböhmen, Keramik aus Znaim, Ergebnisse eines friedlichen Wettbewerbs. Durch die Vertreibung sei alles zurückgefallen und kulturell ostwärts geschoben worden.

Künstler und ehemalige Politiker hätten sich zusammengesetzt und einen Aufruf formuliert auf der Grundlage des Helsinki-Prozesses. Damals wollte die Sowjetunion die Westgrenze ihres Machtbereichs festigen, und beide Machtbereiche sollten künftig respektiert werden. Auch die Amerikaner waren für Achtung der jeweiligen Machtsphäre. Nach zehn Jahren Verhandlung endete die Schlussakte von Helsinki mit dem Grundsatz der Achtung der Menschenrechte.

Der Wunsch nach freiwilliger Kontrolle rief sofort eine Kampagne hervor, ihrem Wesen nach kommunistisch-böhmisch-absurd, im Nationaltheater wurde eine Anticharta unterschrieben, womit man offiziell Protest einlegte gegen etwas nicht öffentlich Bekanntes.

Die Charta wurde bis 1989 von etwa 1800 Personen unterschrieben, sie schuf etwas wie eine Parallelregierung. Es existieren mehr als 500 Dokumente der Charta, ein Teil behandelt die Verfolgung der Chartisten, andere äußern sich zur internationalen Politik, zu Gesundheitswesen und Umwelt. Damit wurden Themen eröffnet, zu denen das Regime offiziell Stellung nehmen musste. Ein Teil Chartisten waren 68er, einen weiteren bildeten Christen, einen anderen Liberale. Drei Sprecher waren für ein Jahr gewählt, ein ehemaliger Kommunist, ein Christ und ein Liberaler oder eine Liberale. Ein Dokument fordert ein Recht auf die Geschichte und enthüllt die Politik des Kommunismus als eine Politik des Vergessens. Erstmals wurde das sudetendeutsche Thema aus einer anderen Perspektive betrachtet als der des Siegers und der „gerechten“ Sprache.

In Bezug auf die Mentalität nach 1945 erwähnt der Redner, dass damals in Reichenberg eine Ausstellung über Naziverbrechen ein in Menschenhaut gebundenes Buch und ein Glasauge von Karl Herrmann Frank zeigte. Der erwartete Schluss daraus: alle Sudetendeutschen binden Bücher in Menschenhaut, sind Henker mit gläsernem Auge – eine Hassveranstaltung. Eine andere Ausstellung fragte: Warum ist ein Zusammenleben nicht mehr möglich? Man zeigte Fotos aus befreiten Konzentrationslagern und ein Bild von Revanchisten, die mit amerikanischen Panzern zurückkommen und ihr Eigentum zurücknehmen.

Heute finde man in Buchhandlungen ein ganzes Regal, das den Sudetendeutschen gewidmet ist. Sie gehören zu den Haupttabus, die gefallen sind wie das über die Verhältnisse in der Sowjetunion. Dieses sei sofort gefallen, aber die Sudetendeutschen als Kulturthema, die Leistung der Sudetendeutschen für die böhmischen Länder war auch tabu. Die Vorbereitung zur Lockerung hat Charta77 geleistet, und zwar auf zwei Wegen: 1985 wurde unter dem Namen „Prager Appell“ ein Dokument zum Thema Deutsche Einheit veröffentlicht, über die die Deutschen selber entscheiden müssten. Autor war Šabata, ein ehemaliger 68er, der aus der Partei geworfen und eingesperrt worden war. Darauf folgte eine Diskussion über die Sudetendeutschen. Jan Mlynarik hat unter dem Namen Danubius Thesen herausgegeben, die akzeptiert wurden, im Dezember 1989 entschuldigte sich daraufhin Vaclav Havel bei den Deutschen.

Ein Kommunikationsmedium in der Charta war der sogenannter Samisdat, die Verbreitung systemkritischer Literatur, abgeschriebene Bücher, die weitergegeben wurden. Die Charta bewirkte viele Tabu-Öffnungen, quer durch Meinungen und Religionen. Die erste Auseinandersetzung mit der Vertreibung der Sudetendeutschen wurde so eingeleitet, man wagte zu denken, dass die Sudetendeutschen in den böhmischen Ländern fehlen. Prof. Potočka, ein Schüler von Husserl, sagte, die Menschen wüssten wieder, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu leiden, Dinge, für die es sich lohnt zu leben. Die Charta werde nicht aufhören daran zu erinnern, was wir jenen Rechten, welche gesetzlich unseren Bürgern gehören, verdanken, was immer das Risiko dieses Handelns sei.

Es habe zwei Versuche gegeben, die tschechoslowakische Gesellschaft zu beleben: den Prager Frühling und danach die Charta 77 als Freiheitsbewegung. Nach 1968 herrschte Friedhofsruhe, man wählte die Flucht ins Privatleben. Die Mehrheit schwieg. Die Charta brachte eine Geschichtsöffnung, öffnete die Sudetendeutsche Frage, betrieb die Auflockerung der Haltung gegenüber dem Feind.

 

Die internationale Solidarität sei von Anfang an wichtig gewesen, in diese Richtung wies auch die Dialogöffnung von Seiten der Ackermanngemeinde, Konferenzen in Brünn und Iglau schufen Grundlagen für einen Dialog. In Versuchen in Richtung eines Dialogs hatte man langjährige Erfahrung. Eine letzte politische Grenze sei mit der Änderung in der Verfassung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gefallen, bislang habe man von tschechischer Seite die Besitzansprüche als Ausrede genutzt. Eine von Charta 77 angestoßene Bewegung habe dazu beigetragen, dass jetzt eine neue Situation vorliege. Wenn ein tschechischer Premier und der sudetendeutscher Sprecher zusammen beim Essen sitzen, sei schon viel erreicht. Nun setze er auf kleine Schritte.

In seinem Text zu einer Ausstellung in Aussig habe er deutlich gemacht: die Sudetendeutschen haben dieses Land kulturell seit dem Mittelalter bis zur Vertreibung mit erbaut. Bezüglich der Vertreibung wird indirekt angedeutet: Es hat nicht so sein müssen. Im letzten Zimmer der Ausstellung seien Bilder deutscher Künstler aus Böhmen zu sehen. Für eine Volksgruppe gebe es nichts Schlimmeres als Vertreibung und Enteignung. Er hoffe auf eine Stiftung zur Erhaltung des Erbes der Deutschen in Böhmen. Es sei eine Kultur, die zu diesem Land gehört. Abschließend gab er seiner Überzeugung Ausdruck, dass das Sudetendeutsche immer besser verstanden werde.

Gerald Frodl

 


„69. Bundestreffen der Südmährer in Geislingen“


 

Der Festredner Güther H. Oettinger bei seiner Rede in der Jahnhalle, dem neuen Veranstaltungsort

 

Zum 69. Male nahm die Patenstadt die von nah und fern angereisten Landsleute auf, in diesem Jahr in der Jahnhalle, der offiziellen Veranstaltungshalle der Stadt Geislingen. Die Anwesenheit der Prominenz blieb die übliche, auch diesmal konnten sich die Südmährer schmeicheln, keine quantité négligeable zu sein, also keine Größe, die nicht berücksichtigt zu werden braucht.

Am Samstag, dem 29. Juli, versammelten sich am Vormittag die Ortsbetreuer in den Kreistagen, um 11.30 schloss sich die Delegiertenversammlung an, zu der Sprecher Franz Longin die Teilnehmer begrüßte. Seinem Rechenschaftsbericht über die Tätigkeiten des Südmährerbundes im abgelaufenen Jahr schloss sich der Rechnungsprüferbericht an, auf Grund dessen dem Südmährerbund die Entlastung einstimmig ausgesprochen wurde. Erfreulicherweise konnten mehrere Landsleute mit Buchpreisen bedacht werden, die neue Abonnenten für den Heimatbrief gewonnen hatten. Zwei bedeutenden Preise, welche die Südmährer alljährlich für verbandsinterne Arbeit und Heimatpflege vergeben, gingen an Manfred Geml für seine Leistungen in der Südmährischen Heimatorganisation und an Rudolf Rosenberger, den ehemaligen Geschäftsstellenleiter für seine besonderen Verdienste auf dem Gebiet der Heimatforschung. Den Paul-Lochmann-Preis erhielt Otto Schimscha für seine Verdienste um den wirtschaftlichen Aufbau nach der Vertreibung aus der Heimat.

Nach der Mittagspause kam es um halb drei Uhr zur Festlichen Eröffnung, durch die wie jedes Jahr Reinfried Vogler führte, der erster Stellvertreter von Franz Longin und Präsident der Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ein Stück weit begleitete ihn eine Instrumentalgruppe aus dem Ensemble „Moravia Cantat“ mit kleinen Musikstücken. Zum aktuellen Thema Vertreibung begrüßte er, dass Vertreibungsländer sich bemühten, Vergangenheit aufzuarbeiten und Schäden wieder gutzumachen. Lediglich in der Tschechei werde die Vertreibung mit Hilfe der Beneschdekrete weiterhin legalisiert. Da sei noch Aufklärungs- und Verständigungsarbeit zu betreiben. Treffen wie das der Südmährer mahnten die weiterhin zu fordernde Aufarbeitung ein.

Franz Longin begrüßte die Versammelten im Zuge eines Zueinanderkommens, insbesondere Oberbürgermeister Frank Dehmer, Ministerialdirigent Herbert Hellstern vom Innenministerium, die Leiterin des Hauses der Heimat Baden-Württemberg, Dr. Christine Absmeier, Vertreter der Stadt Geislingen, Domdekan Prälat Karl Rühringer aus Wien, Dekan Martin Ehrler, Vertreter der Kirchengemeinde, Klaus Hoffmann, den Landesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft BW, aus Österreich den Bürgermeister von Reingers, Andreas Kocar, die früheren Bürgermeister von Drasenhofen und Reingers, Gerhard Zeihsel, den Obmann der Sudetendeutschen

Landsmannschaft in Österreich, Hans Günter Grech, den Obmann des Kulturverbands der Südmährer in Österreich, Brigitta Appel, die Obfrau des Museumsvereins Thayaland, Obmann Josef Mord vom Arbeitskreis Südmähren, den Vertreter der Schönhengstgauer, sodann Kulturpreisträger früherer Jahre, Vorstandsmitglieder im Südmährerbund und die Presse.

Danach dankte der Sprecher den Vertretern der Stadt dafür, dass die Südmährer in ihrer Stadt wohlgelitten seien. Der „Treffpunkt Südmähren“ sei die Hinterlassenschaft der Südmährer für die nachfolgenden Generationen und als solcher auch der Stadt gewidmet. Im Zentrum stehe die Vertreibung mit ihren historischen Hintergründen sowie der Neuanfang nach dem Kriege. Am Freitagnachmittag habe man gemeinsam mit dem Oberbürgermeister am 1950 errichteten Ostlandkreuz der Verstorbenen gedacht.

Im Alten Rathaus, das die Geschäftsstelle beherbergt, würden bei Renovierungen Fenster und Treppe erneuert und ein Treppenlift eingebaut. Auch dafür dankte Franz Longin der Stadt, dem Land für Zuschüsse zu Veranstaltungen.

Franz Longin berichtet, dass die Vertreibungsberichte aller vier Heimatkreise fertiggestellt sind, in denen dokumentiert ist, was nicht wieder geschehen soll. Tschechische Übersetzungen würden in der Tschechei präsentiert. Die vier Bände gehen an Landes- und Bundesregierung, damit man dort sehe, wie es den Südmährern ergangen ist.

 

OB Frank Dehmer

 

Oberbürgermeister Frank Dehmer hieß die Südmährer von Herzen willkommen; er hoffe, dass die Jahnhalle den Südmährern einen schönen Rahmen zu ihrem Treffen biete. Er wiederholte einige Begrüßungen und merkte zu Hans Günter Grech an, sich auf dessen Darbietung im „Dialekt“ besonders zu freuen. Der Angesprochene betonte sogleich, er spreche „Hochdeutsch“. Frank Dehmer erinnerte daran, dass 1962 in Deutschland 9,6 Millionen Flüchtlinge lebten, deren Hoffnung auf Rückkehr allmählich gewichen sei. Der Start in der neuen Heimat sei wohl nicht leicht gewesen. Auf Treffen pflegten die Vertriebenen ihre Verbundenheit, wozu die Stadt den Rahmen bieten könne. Die Geschichte der Vertreibung dürfe nicht in Vergessenheit geraten, damit Lehren daraus zu ziehen seien. Es gelte, an dem gemeinsamen Europa und dem Frieden in der Welt mitzuarbeiten.

 

Ministerialdirigent Herbert Hellstern

 

Ministerialdirigent Herbert Hellstern vom Innenministerium BW sagte Dank für die Einladung, auch die der vergangenen Jahre, die das Erlebnis der Heimatverbundenheit vermittelt hätten. Heute dürfe man Heimatvertriebene, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie Deutsche waren, nicht auf die gleiche Stufe stellen mit den Flüchtlingen, die heute zu uns kommen. Es habe damals keine Willkommenskultur gegeben, die neue Heimat war kalt, teilweise sogar sehr kalt. Die Vertriebenen kamen, das kriegszerstörte Land wieder aufzubauen. Der Redner zitierte in diesem Zusammenhang den Außenminister, der gesagt habe, „Nicht die Trümmerfrauen haben Deutschland wieder aufgebaut, sondern die Türken.“ Als Beamter dürfe er Aussagen hoher Politiker öffentlich nicht kritisieren. Aber er dürfe sagen, was ihm dazu einfalle. Einstein habe gesagt: „Nur zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche Dummheit.“ Beim Weltall sei er sich aber nicht ganz sicher.

Herbert Hellstern sprach seinen Dank für den „Treffpunkt Südmähren“ aus, der zu den modernsten seiner Art gehöre. Das Innenministerium habe einen kleinen finanziellen Beitrag geleistet. Er dankte der Patenstadt Geislingen für ihr Engagement, zugleich gratulierte er den Südmährern zu ihrer Patenstadt. Er selbst beende nach über 20 Jahren seine Tätigkeit im Amt für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und danke den Südmährern für Begegnungen im Erlebnisraum Heimat.

Klaus Hoffmann, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft BW, kam zu der Einsicht, dass ein Bundestreffen von Heimatvertriebenen nicht ohne einen Blick zurück möglich sei, aber auch nicht ohne einen Blick nach vorn. Als die Südmährer sich zum ersten Mal 1948 trafen, lag Deutschland noch in Trümmern. Zwei Wochen vor dem Brünner Todesmarsch sagte Benesch in Prag: „Es wird notwendig, sein, insbesondere kompromisslos die Deutschen in den tschechischen Ländern und die Ungarn in der Slowakei völlig zu liquidieren.“

Auch sieben Jahrzehnte später sei verständlich, dass die Vertriebenen ihr Recht auf eine machbare Wiedergutmachung einfordern. Noch gelten mitten in Europa die Beneschdekrete. Über Gespräche sei auf ein Ende der Diskriminierung der Deutschen hinzuarbeiten. Dazu sei Geschlossenheit vonnöten. Aufgabe bleibe daneben die Bewahrung des eigenständigen Kulturerbes.

Hans Günter Grech erinnerte sich an seinen ersten Besuch in Geislingen als Zehnjähriger 1952. Zu den überregionalen Veranstaltungen in Österreich, der Südmährerwallfahrt nach Dreieichen am Sonntag nach dem 1. Mai, dem Kreuzbergtreffen am Sonntag nach Fronleichnam und dem Südmährerkirtag Anfang August äußerte er, die Termine dazu stünden bereits jeweils am Jahresanfang fest. Es sei daher bedauerlich, dass Reisegruppen von Sudetendeutschen die Rückreise knapp vor solchen Terminen antreten.

Weiter berichtete er über die Übernahme und Weiterführung der „Sudetenpost“ durch die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich unter Obmann Gerhard Zeihsel. In Niedersulz sei der Umbau fertiggestellt, das Museum neu organisiert. Das Südmährermuseum in Laa entwickle sich unter Leitung durch Brigitta Appel zu einem Zentrum südmährischer Aktivitäten. In Österreich sei die Vertreibungsgeschichte durch Prof. Leopold Fink in die Wikipedia hineingeschrieben worden, welche besonders bei der jüngeren Generation als erste Anlaufstelle fungiere. Die Vertriebenen müssen ihre Darstellung einbringen, sonst schreiben die Vertreiber die Geschichte. Leider müsse Prof. Fink seine Tätigkeit aus Altersgründen einstellen. Ein Nachfolger werde gesucht.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde der Südmährische Kulturpreis 2016 verliehen, den der Südmährerbund und die Patenstadt Geislingen gemeinsam tragen, und zwar an Dipl.-Ing. Fritz Lange „für Verdienste um Südmähren, insbesondere die Dokumentation der Geschichte der drei Fürstenstädte Nikolsburg, Feldsberg und Eisgrub in historischen Bildern, Plänen und Fotos, sowie die Darstellung der wechselvollen und dramatischen Geschichte des Gebiets seiner ehemaligen Heimat um Nikolsburg und die Pollauer Berge“.

 

Sprecher Franz Longin und OB Frank Dehmer überreichen Fritz Lang den Kulturpreis 2016

 

Reinfried Vogler gab einen Überblick zu Lebenslauf des Preisträgers, der am 1. August 1939 in Feldsberg geboren wurde, das die Tschechen nach den Friedens­schlüssen 1918 an sich gerissen haben. Der Vater betrieb Landmaschinenfabriken in Nikolsburg und Dürnholz. Nach der Vertreibung konnte die Familie in Wien Fuß fassen. An der TU studierte der Preisträger Nachrichtentechnik, er schloss mit dem Diplom ab und war dann bei den Firmen Siemens, Bosch und Philips als Leiter des Bereichs Fernsehstudiotechnik beschäftigt. 2001 ging er in Pension und begann, Bücher zu schreiben, die auf eigenen Erkundungen durch Wanderungen beruhen. Sie sind nicht nur sehr lebendig geschrieben, sie enthalten viel Bildmaterial, das sonst nirgends zu finden ist. „Südmähren – Bilder erzählen Geschichte“ vergegenwärtigt in Erlebnisberichten und reichem Bildmaterial die Kultur der Region plastisch. Daneben stellen „Vom Dachstein zur Rax“ und „Von Böhmen nach Wien“ sowie „Von Wien zur Adria“ das bisherige Lebenswerk dar, das nicht nur dokumentiert, sondern in die Zukunft trägt, damit die eigene Kultur weiterleben kann.

Fritz Lange erinnerte sich in seinem Dankeswort an viele freundliche Menschen, die ihn mit Informationen versorgt haben. Er dankte herzlich für die Ehre der Auszeichnung, mit der er sich in einer Reihe mit Ilse Tielsch und Prof. Gerstenbrand stehen sehe. Zuletzt dankte er seiner Frau, ohne die er das Geleistete nicht hätte erbringen können.

Am Ende der Veranstaltung dankte Franz Longin den Ehrengästen für die Grußworte, danach auch den Anwesenden und bat sehr dringlich um zahlreiches Erscheinen am Sonntagmorgen bei Messe und Kundgebung. Zuletzt dankte er dem Geschäftsstellenleiter und den Mitarbeitern für die Vorbereitung der Veranstaltung.

Nähe zueinander trotz Zerstreuung in der Vertreibung, das bleibe die Aufgabe der Südmährer, daneben hätten sie das Unrecht der Vertreibung so darzustellen, dass die Tschechen es für ihre Vorfahren bereuen müssen. Bei den Deutschen hätten viele gebüßt für andere. Hauptsächlich haben15 Millionen Vertriebene gebüßt dafür, dass andere große Schuld auf sich geladen haben. Dies sei über die Grenze hinweg gesagt nach drüben. Zur Wiederherstellung des Rechts bleibe die Außerkraftsetzung der Vertreibungsdekrete weiterhin erforderlich.

Um 18 Uhr versammelte der Klemens-Maria-Hofbauer-Gedächtnisgottesdienst die Südmährer in der Pfarrkirche St. Johannes. Am Abend um 20 Uhr folgte eine Sommerserenade des Ensembles „Moravia Cantat“ in der Jahnhalle.

 

Moravia cantat bei der Sommerserenade

 

Am Sonntag empfing die Stadtkapelle Geislingen mit schwungvoller Blasmusik die Südmährer in der Jahnhalle. Domdekan Prälat Karl Rühringer begrüßte die Südmährer zum Festgottesdienst und stellte das Zusammensein unter das Motto: Der Herr versammelt sein Volk. In diesem Bewusstsein sollten sich Christen des Schatzes bewusst werden, den sie in ihrem Glauben besitzen. Für die Südmährer stelle die zu singende Schubert-Messe ein Stück Heimat dar. In seiner Predigt sprach der Geistliche von Kindheitserinnerungen, die wir alle in uns tragen, als Schatz oder als Bürde, von gespeicherten Schlüsselerlebnissen, über die wir sprechen oder schweigen. Auch aus der Geschichte des Volkes blieben prägende Erinnerungen. Gott habe den Menschen das Leid nicht erspart, aber er habe sie darin nicht allein gelassen. Auch im Gedenken an den Brünner Todesmarsch, der am Vorabend zu Fronleichnam begonnen habe, müsse man den ganzen Weg bedenken, den Gott die Menschen geführt habe, vielleicht könne dann leichter Friede in die Herzen einkehren.

Die Zelebranten der Hl. Messe – in der Mitte Domdekan Prälat Karl Rühringer und Dekan Martin Ehrler

 

Die Kundgebung begann mit der Totenehrung. In bewegenden Worten erinnerte Reinfried Vogler an das grausame Schicksal der Vertreibungsopfer. Die Kapelle spielte das Lied vom guten Kameraden. Zur Eröffnung der Kundgebung betonte er die Bedeutung des Treffens als Demonstration für die Menschenrechte und die Ächtung von Vertreibung wie der von 1945, die sich nicht wiederholen dürfe.

Sprecher Franz Longin begrüßte die Ehrengäste, zuerst EU-Kommissar Günther H. Oettinger, Oberbürgermeister Frank Dehmer, Hermann Färber MdB, Nicole Razavi MdL, Konrad Epple MdL, Armin Koch, von der FDP-Kreisfraktion, Ministerialdirektor Julian Würtenberger vom Innenministerium BW, als Stadträte Dr. Karin Eckert, Holger Scheible, Hans-Peter Maichle und Kai-Steffen Meier, Jochen Heinz als Vertreter des Landrates vom Landkreis Göppingen, aus Österreich Bürgermeister Andreas Kozar aus Reingers, die ehemaligen Bürgermeister Hubert Bayer aus Drasenhofen und Christian Schlosser aus Reingers und Erich Mader, Prof. Dr. Uwe Schramm, als Präsident der Steuerkammer Franz Longins Nachfolger, Kulturpreisträger Dipl. Ing Fritz Lange und Gattin, die 2.Vorsitzende des Kirchengemeinderates St.Maria, Frau Maria M. Wahl und ihre Vorgängerin Brunhilde Schmid, Gerhard Zeihsel, Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich, Hans Günter Grech, Obmann des Kulturverbands der Südmährer in Österreich, Brigitta Appel für den Heimat- und Museumsverein Thayaland, Josef Mord für den Arbeitskreis Südmähren, Anneliese Kästl als Vertreterin der Wischauer, Friedrich Eigel für die Schönhengster, und Christoph Zalder, Vorstandsmitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Die Südmährer stehen vor einem Generationswechsel und seien auf der Suche nach jüngeren Vertretern. Er dankte dem Oberbürgermeister und der Gemeindevertretung für die anhaltende Unterstützung, er hoffe auf weitere gute Zusammenarbeit. Der Treffpunkt Südmähren als Dokumentation solle in die Zukunft wirken als Mahnung, insbesondere in der Tschechei. In Bezug auf die feste Verankerung in der Haltung zur europäischen Einigung erinnerte er an das Bekenntnis zu Europa in der Charta der Vertriebenen.

Oberbürgermeister Frank Dehmer mahnte zu bleibender Erinnerung an das Vertreibungsgeschehen, auch in der Tschechei. Ein Neuanfang sei nach dem klaren Bekenntnis zum geschehenen Unrecht möglich. Daraus sei eine Stärkung des europäischen Gedankens zu erwarten, in einem Europa, in dem niemand seine Heimat streitig gemacht wird.

Ministerialdirektor Julian Würtenberger würdigte das Treffen als Tag der Erinnerung, auch an die schwere Zeit, an den Verlust der Heimat, den Tod von Angehörigen. Um so beeindruckender sei, was die Vertriebenen angesichts von Skepsis und Ablehnung erreicht haben. Schon früh hätten die landschaftlich organisierten Heimatvertretungen Geborgenheit vermitteln können. Ohne sie wäre die wirtschaftliche Entwicklung im Südwesten nicht in gleichem Maße vorangegangen. Auch am Zusammenwachsen der Landesteile hätten sie vor 65 Jahren wesentlichen Anteil gehabt. Dafür gebühre ihnen Dank und darauf dürften sie stolz sein.

EU-Kommissar Günther H. Oettinger stellte in seiner Festrede dar, wie die Gegenwart vom Wettbewerb der Werthaltungen, Gesellschaftsmodelle und Regierungsformen bestimmt sei. Die Europäische Gemeinschaft habe den Aufschwung der deutschen Wirtschaft ermöglicht. Jenseits der Mauer hatten die Deutschen diese Chance nicht. Aber seit der Wende könnten sich die Wertekonzepte weiter durchsetzen. Heute erlebten wir, dass es auch andere Vorstellungen gibt, dass Demokratie verachtet, Meinungsfreiheit nicht ernst genommen wird, dass sich Anhänger fremder Ideologien uns überlegen dünken. Wir müssten für unsere Werte kämpfen, die Lage sei ernst. In globalem Umfeld das Errungene zu erhalten, müsse Europa erwachsen werden und die eigenen Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, insbesondere für die eigene Sicherheit sorgen, wenn es nicht von anderen abhängig werden will.

Die Frage, wie man der weltweiten Flüchtlingskrise begegnen kann, liege den Vertriebenen nahe. Wir müssten mehr für eine Perspektive der Menschen in Afrika tun, denn Afrika sei unser Nachbarhaus und unser Schicksal. Dort lebten heute 1.300 Millionen Menschen, in Europa dagegen nur 500 Millionen, 2030 würden es in Afrika 2.600 Millionen sein, 2050 gar 4 Milliarden. Deutschland müsste etwas dafür tun, dass die Menschen dort bleiben können, und für Sicherheit und Stabilität sorgen. Deutschland werde bald nur 1 % der Weltbevölkerung stellen. Man werde folglich die Welt von morgen nicht mehr mitgestalten können. Also gelte es, Kräfte zu bündeln, oder man werde nicht mehr wahrnehmbar sein. Große Themen seien bereits heute nur europäisch vertretbar. Europa könne neben den USA und China der dritte Faktor sein bei großen Entscheidungen, wenn es nicht in nationalen Egoismus zurückfalle. Gegen Protektionismus, Populismus und Nationalismus, wie sie derzeit um sich griffen, gelte es, das europäische Projekt zu unterstützen.

Franz Longin übernahm in seinem Schlusswort die globale Sicht des Festredners.

Er forderte die Tschechen auf, sich in christlicher Tradition zur eigenen Schuld zu bekennen. Von den veröffentlichten – auch ins Tschechische übersetzten – Vertreibungsberichten sei eine Mehrung des Wissens über die Vertreibungsverbrechen auch in der Tschechei zu erwarten.

Der Sprecher dankte der Stadt für die Unterstützung bei der Durchführung des Treffens, er dankte dem Land für jahrzehntelange Unterstützung und der deutschen Politik, die im Bundesvertriebenengesetz mit § 96 die deutsche Kultur in den deutschen Ländern östlich von Oder und Neiße und im Südosten Europas weiterhin unterstütze. Er schloss die dringende Bitte an, dass es so bleiben möge. Er dankte allen, die mitgeholfen haben, dieses Treffen vorzubereiten und durchzuführen, und nannte besonders die Stadtkapelle, den Bauhof, der Flaggen und Schilder aufgestellt hatte, der Polizei, dem Roten Kreuz, den Fahnenträgern und schließlich allen, die am Fest teilgenommen haben.

   v.l. Franz Longin, EU-Kommissar Günther H. Oettinger, Reinfried Vogler 

 

Nach der Mittagspause präsentierte die Junge und Mittlere Generation Südmährens ihre Reise in die Heimatkreise Zlabings und Neubistritz im Mai 2017.

Der Nachmittag gehörte ganz und gar dem Treffen der Ortsgemeinschaften in der voll besetzten Jahnhalle. Dort konnte man sich über das Wiedersehen mit Landsleuten, alten Bekannten und Freunden freuen.

Mitglieder von Moravia cantat bei einer ihrer Tanzeinlagen

 

 

 

 

Festgottesdienst mit Hauptzelebrant Domdekan Karl Rühringer

 

v.l Konrad Epple MdL, Nicole Razavi MdL, Hermann Färber MdB, Jochen Heinz, Erster Landesbeamter, Ursula Dehmer, OB Frank Dehmer

 

Sprecher-Franz-Longin-und-Ministerialdirigent-Herbert-Hellstern