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Pohrlitz

48° 59′ N, 16° 31′ O

Pohořelice

Nikolsburg

Geschichte
Urkundlich 1222 belegt, mit Stadtrecht vor 1350, 1425/26 von Hussiten ero bert, 1442 wird die Stadtmauer abgetragen. Von 1590 bis 1622 lutherisch, mit Wiedertäufern und anderen Sekten, daneben besteht eine bedeutende jüdische Gemeinde. 1645 hausen die Schweden in grausamer Weise, schleppen die Pest ein, von 500 Ew. bleiben nur 44 übrig. Beim großen Stadtbrand 1667 wird die Kirche schwer beschädigt, 1668 restauriert, seit 1673 wieder katholische Pfar rer, Beginn der Matrikenführung. 1746 gelangt die Herrschaft Seelowitz mit P. an Leopold Fürst Dietrichstein, 1819 an Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen, 1822 an Erz herzog Karl, sie verbleibt im Besitz des Kaiserhauses bis 1918. 1806 zerstört ein Großfeuer 73 Christen- und 20 Judenhäuser, die Synagoge und das Wirtshaus sowie 30 Scheunen. Neubauten: Synagoge 1854, Zucker fa brik 1872, Volksschule 1877, Eiserne Brücke und Anschluß an die Nordbahn durch Lokalbahn Pohrlitz-Branowitz 1892, Rathaus 1904, Bürgerschule 1907, Postamt 1914. Nach dem I. Weltkrieg werden tschechische Legionäre in P. sta tioniert, ein Invalidenheim wird eingerichtet, um die Gemeindewahl zu beein flussen. Am 8. 12. 1918 werden Juden- und Christengemeinde vereinigt. Deut sche Burschen, die zur Assentierung kommen, werden wäh rend einer An spra che von Dr. Hanreich von tschechischem Pöbel auseinander getrieben und ver prügelt. Am 18. 2. 1920 erschießen die Tschechen bei einer Demonstration ge gen tschechische Willkür zwei Deutsche. Um die gefährdete Bürgerschule zu er halten, werden die umliegenden Gemeinden verpflichtet, ihre Kinder ab dem 6.Schuljahr nach P. zu schicken. 1938 werden die Juden vertrieben, die Syna go ge zum Abbruch freigegeben, die tschechischen Schulen aufgelöst. Ein Luf t an griff am 4. April 1945 fordert drei Tote. Gegen Ende des II. Weltkrieges kom men Flüchtlinge aus Schlesien und Siebenbürgen, mit denen 150 Personen am 9. April 1945 in einem Treck von 30 bis 40 Wagen die Stadt verlassen. Zwischen 18. April und 7. Mai wird im Raum P. gekämpft, am 18. Aprilk beset zen Rotarmisten den Nordteil jenseits der Igel, am 7. Mai die ganze Stadt. Viele Deutsche flüchten nach Österreich, die Daheimgebliebenen werden ab April 1946 nach Deutrschland vertrieben.
Am Vorabend zu Fronleichnam 1945 werden die Deutschen Brünns zusammen getrieben und aus der Stadt gejagt, sie kommen am nächsten Tag bis Laatz, wo sie den Rest der Nacht bei strömendem Regen unter freiem Himmel zubringen müssen. Am zweiten Tag erreicht der Zug in den Mittagsstunden Pohrlitz, die Deut schen werden in die leeren Getreidespeicher an der Lodenitzer Straße ge pfercht, wo sie auf dem Betonboden liegen. Am nächsten Vormittag schleppen sie sich in Richtung Maria hilf weiter. Die in Pohrlitz gebliebenen werden in leerste hende Häuser oder umlie gende Dörfer verteilt. Täglich sterben 30 bis 40 Men schen an der Ruhr, an der Wiener Straße muß ein eigener Friedhof für sie ange legt werden. In Papiersäcke gesteckt, kommen die Toten in lange Schacht gräber.

Brauchtum
Neujahrswünsche der Kinder bei Verwandten; Umhergehen der Heiligen Drei Könige, die Speisen und Geld sammeln, später eher Bettelei; der “Federhahn”, Abschluß des Federschleißens; Faschingstreiben der Burschen, die in “Maske raden” umherziehen.
Schmeckostern am Ostermontag vormittags, Kinder klopfen mit Ruten an die Haustüren und bitten um buntgefärbte Eier. Am 30. April werden, einem Wal purgisnachtsbrauch folgend, Holunderzweige gesetzt, vor allem von Kindern, um böse Geister, Hexen vom Haus fernzuhalten.
Im Mai führen Bittgänge in die Flur, seit dem I. Weltkrieg wird kein Maibaum mehr gesetzt, nach 1938 wird dies wiederbelebt.
Sonnwendfeiern, getragen von völkischen Vereinen, werden bis in die jüngste Zeit abgehalten.
Der erste Erntewagen wird in manchen Häusern noch begrüßt, Scheune und Tenne werden vor Einlegen der ersten Garbe mit Weihwasser besprengt.
Am 2. Sonntag im Oktober wird der Kaiserkirtag gefeiert, getanzt wird nur noch im Saal. Altbursch und Altdirn werden noch gewählt, der Aufzug findet nicht mehr statt. Nach 1938 wird eine Wiederbelebung versucht.
Powidlkochen und Kukuruzauslösen bringen die Nachbarschaft zusammen, gemeinsames Singen und mancher Schabernack gehören dazu.
Nikolo und Krampus erschrecken am Abend des 5. Dezember Kinder auf den Straßen, Hausbesuche sind selten. Die Eltern füllen bereitgestellte Schuhe und Teller mit Süßigkeiten etc. Am Heiligen Abend erhalten die Haustiere im Stall Schnitten vom Weihnachtsstriezel. Am zweiten Weihnachtstag, Stephani, gehen arme Leute von Haus zu Haus und sammeln Geld und Speisen. Zu Silvester findet der traditionelle Ball des Gesangvereins statt.
Volkstanz, Laienspiel und Gesang werden nur noch in Vereinen gepflegt.

Stadt mit Judengemeinde, Bezirk Nikolsburg, Gericht 1903 (19 Gemeinden) 2954 ha 184 m ü.d.M.

Flurnamen
Schachen, Hutweiden, mittlere, hintere, Wassergärteln, Schachengärteln, Kirch holz gärteln, Badstuben, Großhofer Breiten, Fasangarten, Kleiner und Großer Stin ger, Hausmasseln, Niemtschitzer, Lange Gewandten, Freigewandten, Zwei ge wandten, Zugaben, Kurze, Hungerfeld, Vordergebirg, Breite Gewandten, Phi lipps berg, Strittfeld, Schömitzer, Grundfeld, Spitzbreiten, Lahnen, Lammweide (Lampelwad), Freigärten, Stiergarteln, Herrschaftsgarten, Unter den dicken Fel bern, Schießstätte; Hakenwald, Brünndlwald, Langer Trieb
Anbau: Zuckerrüben, Mais, Kartoffel, Weizen, Gerste, Hafer, wenig Roggen, später Raps, Klee, Gemüse, Obst bes. Birnen und Zwetschken

Straßen, Plätze
Großer Platz /”Ring”, Kaiserplatz, Hauptplatz, Freiheitsplatz (ab 1918), Adolf-Hitler-Platz (ab 1938); Brünner Straße, Dammgasse, Alte Postgasse, Johannes straße, Badstubengasse, Neugasse, Schmalgasse, Weizengasse, Unterer (Böh mi scher) Platz, Lange Gasse (Wilson-, Hermann-Göring-Straße), Sauplatz (Ru dolfs- , Masaryk-, Kasselerplatz), Mühlgasse (vor 1918 Dietrichsteingasse), Paar gasse, Judenviertel (Theodor-Hertzl-Viertel), Wiener Gasse (1939 Straße der SA), Schömitzer Gasse, Habermanngasse (Konrad-Henlein-Straße), Lode nit zer Gasse, Ziegeleistraße, Fabrikstraße, Iglauer Gasse

Baudenkmäler, Einrichtungen:
Propsteikirche St. Jakob, got. Hallenkirche, 13. Jh., Turm im 16. Jh. erhöht, im großen Stadtbrand 1667 schwer beschädigt, 1668 restauriert, 1714 Chor ge wöl be erneuert; 3 Glocken, 1413 (2), 1812, bedeutende Fresken des 13. Jh.
Synagoge 1855 anstelle baufälligen Tempels, 1938 abgebrochen; Vorgängerin 1806 abgebrannt
Kriegerdenkmal 1931
Kriegerdenkmal der Judengemeinde
Kaiser-Joseph II.- Denkmal 1892, 1919 abgerissen
Schulen
Volksschule 1592, Neubau 1784, 1833, 1887/88, 1920 wegen Wegnahme durch die Tschechen Neubau im Schulhof, von den Deutschen finanziert; bis 1938 vier Klassen, danach fünf Jahrgänge in 10 Klassen
Bürgerschule 1907, vor 1938 je drei Klassen für Knaben und Mädchen¸ ab 1937 einjähriger Lehrkurs als 4. Klasse
Wirtschaftsschule 1939, zweijährig
Berufsschule (Fortbildungsschule) 1908
Landwirtschaftliche Winterschule, 1888 in der Volksschule, Neubau ab 1889, zwei Jahrgänge ab 1893 (1902 öffentlich) bis 1906 und ab 1910 (jetzt in Landes verwaltung); mit kleiner Landwirtschaft
Judenschule 1835, Neubau 1901, bis zur Auflösung der Judengemeinde, danach tschech. Bürgerschule
Kindergarten 1882
Schulbücherei, später Stadtbücherei
Volksbücherei des Bundes Deutscher Südmährer 1910
Spital als Pflegestation 1881, zuletzt Stützpunkt der NS-Volkswohlfahrt, 2 Pflegerinnen
Armenhaus (20er und 30er Jahre), zuletzt nicht mehr erforderlich
Invalidenheim bis 1938, unter tschech. Verwaltung
Theater mit Gastspielbühnen
Kino 1925 im Rathaussaal (Vorstellungen am Wochenende)
Eislaufplatz
Sportplatz
Postamt 1663
Telegraph 1871
Bahnhof 1894
Straßenmeisterei
Steueramt
Straßenbeleuchtung/Petroleum 1873, Acetylen 1904

3 prakt. Ärzte
Zahnarzt
Zahntechniker
Hebamme
Tierarzt
Apotheke 1822
Mütterberatung
Notariat
Rechtsanwälte
Architekten
Baumeister
Musiklehrer

Gewerbe
Zuckerfabrik 1873
3 Ziegeleien (2 werden 1938 stillgelegt)
Großhofer Mühle
Mühle Rosenbaum
Schrotmühle
2 Molkereien bis 1937
1 Milchsammelstelle bis 1937
Heimarbeit vor 1900: Netzhandschuhe, Tonwaren, Matzenbäckerei, Weberei

Hotels Lebensmittelgeschäfte Fleischhauer Bäcker
Gaststätten Textilgeschäfte Drogerien Hutgeschäft
Buchhandel Schreibwarenhandel Konditoreien Photographen
Eisenwarenläden Schneider Friseurgeschäfte Uhrmacher
Schuhmacher Elektrowaren Sattler Ofensetzer
Schmiede Stellmacher Zimmerer Spengler
Maurer Faßbinder Glaser Gärtnereien
Buchbinder Fahrradmechaniker Dachdecker Tischler
Mechanische Werkstätten Sodawasservertrieb

Getreidehandel meist durch Juden
Viehhandel vor 1938 ausschließlich durch Juden
Obsthandel nach 1938 bedeutend, privat und durch BAST

Markttag Dienstag 1830, Mittwoch Schweinemarkt
Jahrmärkte (3. Mai, 25. Juli, 6. Okt., ab 1776 weitere: 24. Feb., 30. Nov.) Mittw. Viehmarkt

Bedeutende Verkehrswege
Kaiser/Reichsstraße Wien-Brünn 1727
Reichsstraße nach Znaim 1804
Bezirksstraßen nach Kanitz 1838, Branowitz 1845/46, Seelowitz 1852, Wostitz 1899, Lodenitz 1904, Mohleis und Mödlau 1912
Eiserne Brücke 1897, davor Schwarze Brücke
Omnibusverkehr 1922 Nikolsburg – Brünn, ab 1938 Wien, Znaim

Vereine, Genossenschaften
Kronprinz-Rudolf-Veteranenverein 1873-1918, danach: Unterstützungsverein ge dien ter Soldaten, ab 1938 Reichskriegerbund
Gesangsverein “Hesperus” 1870
Freiwillige Feuerwehr 1874
Turnverein 1906
Deutsche Molkereigenossenschaft
Deutsche Lagerhausgenossenschaft