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Gnadlersdorf

48° 48′ N, 15° 59′ O

Hnanice

Znaim

Geschichte

Urkundlich erstmals 1202 erwähnt anläßlich der Abtretung des Wein­zehents an das Kloster Bruck. Ein Wunderbrunnen soll damals Ursa­che für die Begründung des Wallfahrtsortes gewesen sein. Seit 1541 gehört Gnadlersdorf zur Herrschaft Joslowitz. 1581 verweigert die Ge­meinde, die vom katholischen Glauben abgefallen ist, Kloster Bruck den Zehent. Kaiser KarlVI. bestätigt das Recht auf einen Wochen­markt, Maria Theresia wiederholt dies 1743, Kaiser FranzII. 1792. In alter Zeit bestanden drei Tore. In den Lehmkellern befinden sich Seitenkammern und -röhren mit engen Einmündungen, mit Mau­erziegeln markiert; auch Erdställe sind vorhanden. Seit 1784 besteht eine eigene Pfarrei, die Reform Josefs II. beendet die Wallfahrten und damit eine Einnahmequelle. 1799 kommt russisches und kaiserliches, dann französisches Militär, plündert und brandschatzt. Bis 1898 gehört Neunmühlen zur Gemeinde Retzbach, also zu Niederösterreich. Nach 1918 durch die tschechische Finanzbehörde besiedelt, seit 1932 besteht eine tschechische Minderheitsschule für ca.10 Kinder von Zollbeamten. 1935 beginnt der Bau von Grenzbefestigungen. Im Herbst 1938 fliehen die meisten Einwohner nach Niederdonau, 49 bleiben in Verstecken zu Hause. Die tschechischen Zollbeamten verlassen den Ort, eine tschechische Schule wird nicht mehr benötigt.

Im II.Weltkrieg fallen 38 Mann. In Feber 1945 kommen drei Kinder in Neumühlen durch Handgranaten um. Im Oktober 1945 werden drei Männer erschossen, ein Mann kommt im Lager Znaim ums Leben, zwei weitere in tschechischer Gefangenschaft. Viele fliehen über die Grenze. Die letzten Deutschen werden am 1.März 1946 mit 40kg Gepäck pro Person nach Znaim in das KZ in der Prager Straße gebracht und am 9. in Viehwaggons über Iglau, Prag und Pilsen nach Würzburg vertrieben; bis zur bayerischen Grenze bleiben die Wag­gons abgesperrt.

Brauchtum

Kinder: Neujahrswünschen, Ostereiersammeln.

Um Heiligen Striezel „fechten“ (= bitten, betteln) am 1.November.

Jugend: Eier einpecken.

Rosenmontagsumzug, Fasching eingraben am Aschermittwoch,

Kirtag am Sonntag nach dem 24.August (Bartholomäus), Weinlese­fest, Maibaumsetzen, Totrmonnsetzen, Theaterspiel, Sonnwendfeier am 21.Juni, Heurigenloben am 11.November (Martini)

Granitzschau

Der Markustag (25.April) war für die Schulkinder unserer Markt­gemeinde immer ein Festtag. An diesem Tag war das nach den Oster­feiertagen mit Ungeduld erwartete Granitzschauen. Wochen vorher wurden schon hölzerne Säbel, Haselnußstöcke geschnitzt und schwarz-rot-goldene Fähnchen hergerichtet. Nach dem Mittagessen sammelten sich die Schulkinder vor der Schule. In Erwartung des Herrn Bürgermeisters mit den Gemeinderäten und des Herrn Ober­lehrers standen sie mit gegürteten Säbeln oder mit Fähnchen da, und wer das eine oder andere nicht besaß, hatte sich sicher einen Hasel­nußstecken mit vielen weißen Ringen zurechtgeschnitzt. Um 1 Uhr erschien der Herr Bürgermeister mit den Gemeinderäten und dem Gemeindediener. Die Schuljugend nahm in Zweierreihen Aufstellung und marschierte mit frohem Gesang, gefolgt vom Gemeindeausschuß und dem Lehrkörper, auf der Retzer Straße, an dem großen Linden­baum vorbei, bis zum Zollhaus an der niederösterreichischen Grenze. Da die schon betagten Herren Gemeinderäte den flotten Marschierern nicht nachkamen, mußten diese an der Grenze warten. Beim Zollhaus trennten sich die Gemeinderäte und die Schüler. Die Erstkläßler–die Schule war zweiklassig–marschierten mit der einen Hälfte der Ge­meinderäte entlang der Grenze Mitterretzbach-Schattau-Kaidling. Die Zweitkläßler mit der anderen Hälfte der Gemeinderäte machten den Weg längs der Grenze Oberretzbach-Niederfladnitz durch den Streit­graben bis zur Thaya. Die Aufgabe war, zu sehen, ob alle Grenzsteine rund um das Gebiet der Marktgemeinde noch standen. Jene Schüler, welche zum erstenmal in der zweiten Klasse den Weg machten, hatten aber noch eine besondere Aufgabe zu lösen. Sie mußten einen Grenzstein suchen, der im Wald lag, von Gestrüpp ganz versteckt. Hundert Meter vorher wurden ihnen die Augen fest verbunden und sie wurden bis in die unmittelbare Nähe des Steines herangeführt und hierauf ihrem Schicksal überlassen. Mit einem Stock mußten sie tastend den Stein ausfindig machen. Das Heimtückischste an der Sache war, daß in unmittelbarer Nähe des Grenzsteines ein Wasser­tümpel war, in welchen natürlich mancher der suchenden Buben zum Gelächter ihrer großen Mitschüler hineinstolperte. Inzwischen waren die Herren Gemeinderäte nachgekommen, und der Herr Bürgermeister verteilte an jeden Schüler 50 Heller. Unter frohem Gesang ging es dann, der österreichischen Grenze entlang, durch den Streitgraben bis zur Thaya. Der Streitgraben war übersät mit Leberblümchen und Primeln-Aurikeln. Auch süße Steinwurzeln wurden gegraben, die dort in rauhen Mengen wuchsen. Hüte und Mützen wurden mit Blumen geschmückt, und entlang der Thaya ging es weiter.

Die Thaya bildet dort die natürliche Grenze zwischen der Gemeinde Baumöhl und unserer Marktgemeinde. Bei der ehemaligen Bäckerei Gruber wurde haltgemacht, und der Bürgermeister verteilte noch ein­mal an jeden Schuljungen 50 Heller. Zur Zeit meines Vaters, als die Grubers in Neunmühlen noch die Bäckerei betrieben, holten bei der Granitzschau die Entlaß-Schüler immer einige Laibe Brot, welche aufgeschnitten und an die Mitschüler verteilt wurden. Wenn man den Erzählungen der Alten Glauben schenken kann, dann hat dieses Brot besser geschmeckt als die feinste Torte. Im Gasthaus Geier, beim sei­nerzeitigen Pächter des später errichteten Restaurants Gruber, wurde eingekehrt. Dort trafen auch die Buben der ersten Klasse ein, welche die Grenzsteine längs der Markung Schattau und Kaidling zu prüfen hatten. Beim Geier schmeckte das „Kracherl“ (Sprudel) wunderbar, besonders wenn die Kohlensäure durch die Nase aufstieg. Jeder wollte ein rotes (mit Himbeergeschmack) haben. Salzstangerln dazu waren Leckerbissen. Inzwischen waren mit der Frau Oberlehrer die Schul­mädchen gekommen, welche die Blumen an den Hüten und Mützen der Buben bewunderten. Vor Einbruch der Dunkelheit wurde zum Heimweg aufgebrochen. Trotz des steilen Neunmühlener Berges wur­den Marschlieder geschmettert, daß aus dem nahen Wald das Echo widerhallte. Über den Nußberg wurde durch die „Häuseln“ mit dem Liede „Stimmt an mit hellem hohem Klang…“ in den Marktflecken einmarschiert. Im Haus des Bürgermeisters gab es noch einmal eine Überraschung: Die Gemeinderäte verteilten an alle, die gekommen waren, Ohrbeugeln. Das waren aus einem mürben Teig gebackene Ringe, die semmelkorbweise aufgestellt waren. Der Bäcker hatte einen ganzen Tag damit zu tun gehabt, um diese Mengen herzustellen. Die Gemeinderäte hatten diese Ohrbeugeln auf die Gehstöcke (mit dem Griff nach unten) aufgesteckt und verteilten sie zu je zwei Stück. Wenn man allerdings einen guten Vetter im Gemeinderat hatte, bekam man auch noch mehr. Die Fama behauptet, daß eine mit einem Gemeinderat besonders gut Befreundete sogar einen ganzen Stock dieser Ohrbeugeln bekommen habe. Es gab jedoch Gemeinderäte, die wegen zu gewärtigender übler Nachrede grundsätzlich jedem bloß zwei Stück gaben. Trotzdem verstanden es manche Kinder, sich eine größere Menge zu verschaffen; es gab ja Ohrbeugeln zur Genüge. Der Tag fand mit einem gemütlichen Beisammensein der Gemeinderäte und des Lehrkörpers entweder im Gasthaus „Zum weißen Kreuz“ (Lauerwirt) oder „Zur goldenen Krone“ (Zehetnerwirt) seinen Ab­schluß. Im Jahre 1928 zogen zwei tschechische Finanzer in den Gemeinderat ein und einer von diesen interessierte sich, wo in der Gemeinderechnung die Auslagen der Granitzschau verrechnet werden: „Wer zahlt Granitzschauen“ Ein Gemeinderat gab ihm zur Antwort: „Zahlt Bürgermeister aus eigener Tasche!“ Dies stimmte allerdings nicht, und ich will deshalb das Rätsel, wer der Geldgeber war, hier lösen: Während des Jahres wurden von der Gemeinde Versteige­rungen von Obst, Gras, Holz und Streu durchgeführt. Von den einge­henden Geldern wurden für die Granitzschau Beträge abgezweigt, ohne daß dies in der Gemeinderechnung besonders angegeben wurde, eine Praxis, die seit Generationen als gutes Recht betrachtet wurde.

Flurnamen: Altlehen, Nußbergen, Goldäcker, Reitern, Danisch­wegen, Lerchenbergen, Thailetter, Thäler, Anderfelder, Satzen-Setz­pflanzen, Langenbergen, Mittelbergen, Sillern, Destinger, Edeln = Erlen, Scheibling, Neunmühlen, Grafenbergen, Antenschuh, Kamperl, Tettenhauer, Taferl, Kicherl, Grulitsch, Datzgen, Freithöfeln, Znaimer Weg, Znaimer Leiten, Joslowitzer Leiten, Fuchsengraben, Kuckucks­berg, Reiterberg, Quanten, Ödenberge, Hölle, Breiteln, Horden.

Im Ort: Unterort, Mitterort, Oberort, Häuseln, Ziegelofen, Hinter den Kellern, Kellergasse, Freithöfelhäuseln, Gemeindegasse, Kirchplatz, Bei der Lacken, Bockscher Platz.

Bodennutzung: Zwei Drittel des Gemeindeareals werden für Acker­bau, Wein- und Obstbau genutzt, ein Drittel ist bewaldet.

Jagd: Hochwild und Niederwild sind vertreten: Rehe, Hasen, Kanin­chen, Füchse, Dachse, Fasane; Hirsche als Wechselwild.

Straßen, Plätze: Znaimer Straße, Retzer Straße, Fladnitzer Straße.

Anderfelderweg, Satzenweg, Granitzweg, Neunmühlenweg, Erlen­weg, Grulitschweg, Reiterweg, Lerchenbergweg, Grafenbergweg.

Baudenkmäler, Einrichtungen:

Pfarrkirche St.Wolfgang, alte Wallfahrtskirche, über einer Heilquelle erbaut; dreischiffige Hallenkirche; spätgotisches Langhaus und West­turm mit Wehrgang 1484-87, wahrscheinlich von Niklas von Edel­spitz; Sakristei mit Netzrippengewölbe um 1500; St.Wolfgang, 1490, im Altar; Marienkrönung, St.Wolfgang (15.Jh.) und andere Statuen, Kanzel und Schmiedeeisentüren spätgotisch; Taufstein Renaissance, 1.Hälfte 16.Jh.; Hochaltar Ende 17.Jh., Seitenaltäre hl.Anna und Nepomuk; 1820 um ein Klafter niedriger gemacht; 1898 renoviert; der Turm wird später angebaut, 3Glocken. Ältester Teil Brunnenkapelle, 13.Jh., mit Stichkappentonnengewölbe 17.Jh.; anschließend Kapelle mit Kreuzrippengewölbe 14.Jh.; seit 1923 Kriegergedächtniskapelle, mit Barockaltar, 1.Hälfte 18.Jh.; an der Nordseite Verkündigung, am Südtor der gegeißelte Heiland mit Schriftband, 1483.

Kapelle Maria am Stein in den Weinbergen, 1650 (Schalenstein), 1785 abgetragen.

Friedhof, 1735 (davor Schattau).

Mariensäule oberhalb der Kirche, 1887.

Hl.Johannes von Nepomuk und hl.Florian auf der Straßenbrücke im Unterort.

Eisenkreuz vor dem Kirchtor, 1869.

Rotes Kreuz, 1791, erneuert 1905.

Kreuz in der oberen Kellergasse.

Kreuz am unteren Mühlweg, 1832.

Gespitztes Marterl, gotisch, an der Kreuzung Znaimer-Fladnitzer Straße, 17.Jh.

Marterl an der Grenze mit der schmerzhaften Muttergottes, 17.Jh.

Kriegerdenkmal, 1924.

Rathaus, ab 1938 in der umgewandelten Schule.

Gemeinde- und Pfarrbücherei

Gemeindehospital im Oberort (z um Sanitätsdistrikt Schattau gehörig).

2 Armenhäuser in der Gemeindegasse

Milchsammelstelle

Postamt und Bahnstation in Schattau

Telefon in Haus Nr.57

Omnibusverkehr, privat, nach Znaim, ab 1938 Postauto, weiter nach Krems.

Elektrifizierung, 1931.

Schule: Schulbau 1812, Schule ab 1910 zweiklassig (2. provisorisch in Privathaus); schon 1600 ist ein Schulmeister belegt. 1932 Bau einer tschechischen Schule, in welche 1938 die deutsche Schule und der Kindergarten (davor privat) verlegt werden; Hauptschule in Schattau.

Gewerbe:

Mühle

Ziegelei bis 1910

Hotel-Restaurant Gruber in Neunmühlen, 1928; Sommerfrischler kommen aus Brünn und Wien.

2 Gasthäuser, 2 Gemischtwarenläden, Bäcker, Schmied, 2 Schreiner, Schneider, 3 Schuhmacher, Weinkellerei, 2 Sammelstellen für Obst und Gemüse.

Vereine:

Waldgenossenschaft der Einundsechziger, ca. 1818.

Bund der Deutschen, 1899 (Burschenschaft).

Liedertafel und Musikkapelle, um 1900.

Deutscher Kulturverband, 20er Jahre.

Freiwillige Feuerwehr, 1930.

Turnverein, 1935.

Kirchenchor

Molkereigenossenschaft, 1925.

Matriken seit 1783 (davor ab 1637 bei Schattau).

Literatur:

Homola, P. Philipp: Gnadlersdorf. „Mancherlei aus der Vergangenheit einer