Reisen und Veranstaltungen der JMG

Erstes Onlineseminar der Jungen und mittleren Generation des Südmährerbundes

 

 

„Grenzen“ waren das Thema des ersten Online-Seminars der Jungen und mittleren Generation (JMG) des Südmährerbundes. Es sollte dabei nicht nur um das Trennende, sondern auch um das Verbindende von Grenzen gehen, sagte JMGVorsitzender Wolfgang Daberger. Die erneuten Grenzziehungen im Zuge der Corona-Pandemie zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien waren ein Auslöser für die Überlegungen zum Konzept des Seminars, so Elke Krafka, Kulturbeauftragte im Südmährerbund. Die Frage, wie Trennendes überwunden werden kann, sei bei der Planung mehr und mehr in den Vordergrund gerückt.

Besondere Grenzerfahrungen werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer „Klimawanderung“ sammeln, die Hildegard Schmoller vom Institut für Osteuropastudien der Uni Wien vorstellte. Das vom Fachbereich Kultur- und Sozialanthropologie der Universität initiierte interdisziplinäre Projekt, das wegen Corona auf das nächste Jahr verschoben wurde, sieht eine 12 000 Kilometer Wanderung vom nördlichsten bis zum südlichsten Zipfel Europas vor. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durchqueren 16 Länder und befragen Menschen entlang des Weges dazu, welche Folgen der Klimawandel für ihr Leben hat, wie sie damit umgehen und welche Maßnahmen sie dagegen ergreifen.

Schmoller arbeitet als Historikerin an dem Projekt mit, um unter anderem herauszufinden, wie Natur- und Umweltkatastrophen – etwa der Reaktorunfall von Tschernobyl – erinnert und wie diese Erfahrungen für den Umgang mit der Klimakrise genutzt werden können. Schmoller selbst plant Klimawanderungen entlang der österreich-tschechischen Grenze. Erste sollen, wenn es die Corona-Entwicklung zulässt, vom 31. Mai bis zum 6. Juni in der Nähe von Langau und Geras im Waldviertel starten.

Da es in diesem Projekt auch um die Frage geht, inwiefern sich die Verwurzelung von Menschen in einer Landschaft darauf auswirken, wie sie die Klimakrise wahrnehmen und wie sie damit umgehen, wird sich Schmoller auch mit den Folgen der Vertreibung der Deutschen aus den tschechischen Grenzgebieten beschäftigen. In Südmähren oder Südböhmen herrschte nach der Neubesiedlung mit Tschechen und Menschen anderer Nationalität eine extreme Fluktuation, eine wirkliche Verbundenheit der neuen Bewohner mit der Region entwickelte sich erst ganz allmählich. Daneben prägten die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Vernichtung der bäuerlichen Familienbetriebe zu sozialistischer Zeit die Identität der Menschen. Solche dramatischen Umwälzungen fanden auf der österreichischen Seite nicht statt. Der Vergleich der Entwicklungen auf beiden Seiten der Grenze soll Erkenntnisse für die Bewältigung der aktuellen Klimakrise ermöglichen.

 

Grenzen in den Köpfen will ein Projekt in der südmährischen Stadt Znaim überwinden.

Der frühere Mitarbeiter des Znaimer städtischen Museums, Jiří Kacetl, der heute in der Stadtverwaltung für die kommunalen Immobilien zuständig ist, berichtete von ersten Überlegungen, ein Gebäude im Stadtzentrum in einen besonderen Lernort umzuwandeln: Ein leerstehende Eckhaus am Unteren Platz, ein wertvoller Renaissance-Bau, soll nach seiner Sanierung die Geschichte seiner Bewohner und parallel dazu die von der deutschen und tschechischen Kultur gleichermaßen geprägte Geschichte der Znaimer Region erzählen – vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Im Konzept spielen auch die Biografien der Hausbewohner eine wichtige Rolle, die die Zeit der totalitären Regime, des Nationalsozialismus und des Kommunismus, durchlebten. Die letzten Besitzer waren bis zur Enteignung durch die Beneš-Dekrete die Familie Bornemann. Deren Geschichte soll einer der roten Fäden in der geplanten Ausstellung sein und „Verständnis für die Kette von Ursachen und Folgen“, so Kacetl, entwickeln. Felix Bornemann, der in den 1960er und 1970er Jahren führende Positionen im Südmährischen Landschaftsrat und im Heimatkreis Znaim innehatte, war Kreisleiter der NSDAP und SS-Obersturmbannführer im Kreis Znaim. Nach Kriegsende wurde er von den tschechoslowakischen Behörden inhaftiert und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Bornemanns Familiengeschichte spiegelt wichtige Phasen der deutsch-tschechischen Geschichte mit all ihren Brüchen wider. Während auf der tschechischen Seite die Aufarbeitung der Vertreibung noch viele weiße Flecken aufweist, muss auf der sudetendeutschen Seite die politische Vergangenheit der Gründerväter aufgearbeitet werden. Wenn Znaim 2026 das 800. Jubiläum ihrer Gründung feiert, so Kacetl, und eine umfangreiche Ausstellung zur Stadtgeschichte auf der Burg ansteht, könnte das Haus am Unteren Platz eine gute Ergänzung werden.

 

Menschen früherer Zeiten verarbeiteten Ängste und Hoffnungen oft in Sagen, wie es sie auch im südmährischen Raum zuhauf gibt. Deutsche wie Tschechen erfanden Gestalten, die sie für positive wie negative Ereignisse – etwa auch für Umweltkatastrophen – verantwortlich machten. Znaim war im 19. Jahrhundert ein Zentrum für die Herausgabe deutschsprachiger Sagen und Märchenbücher. Dort erschien auch die deutsche Ausgabe eines bereits Anfang des Jahrhunderts veröffentlichten tschechischen Buches über den Berggeist Rübezahl. Die im böhmisch-schlesischen Riesengebirge beheimatete Sagenfigur, die die Tschechen Krakonoš nennen, ist ein „Grenzgänger“, so der Publizist Ralf Pasch in seinem Vortrag. Deutsche und Tschechen verarbeiteten den Mythos auf ihre Weise und gebrauchten ihn auch für die jeweiligen nationalen Interessen. In der polnischsprachigen Kultur Schlesiens ist Liczyrzepa, wie er dort heißt, erst nach dem Zweiten Weltkrieg stärker präsent. Nach Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner und der folgenden „Polonisierung“ griff die neu angesiedelte Bevölkerung auf der Suche nach Identifikationsfiguren auch auf Rübezahl zurück. Von offizieller Seite wurde versucht, das zu sozialistischer Zeit zu unterbinden. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und einer neu erwachten schlesischen Identität ist ein unverkrampfter Umgang mit Rübezahl möglich. Immer häufiger werden deutschsprachige Bücher über den Berggeist ins Polnische übersetzt, aktuell zum Beispiel das 1915 erschienene „Rübezahlbuch“ von Carl Hauptmann, dessen Todestag sich dieses Jahr zum hundertsten Mal jährt. Für den Görlitzer Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn wiederum ist das der Anlass, das Buch in der deutschen Ausgabe neu aufzulegen.

Seminar Südmährer Bericht

 

Ralf Pasch