• Decrease font size
  • Reset font size to default
  • Increase font size
Start Heimat Trachten Grafendorf
Grafendorf
Ein deutsch-österreichisches Dorf inmitten des “Gartens von Wien” wie man Südmähren in der Monarchie nannte. Es umfasste ein Gebiet von 1.596 ha und zählte 404 Häuser mit 1600 Einwohnern. 1414 in einem Hardeggischen Urban erwähnt. Die Seehöhe betrug 200 m.

Grafendorf
Aufnahme von 1938 (rechts das Rathaus
und im Hintergrund die Kirche)
Vom Kirchturm aus hatte man einen weiten Blick ins Land. Im Nordosten grüßen die Pollauer Berge, rechts davon der Heilige Berg in Nikolsburg. Heidberg, Galgenberg und Wildendürnbach schließen im Osten den Horizont ab. Südöstlich erhabt sich aus der Ebene der Staatzer Berg mit seiner Burgruine. Im Süden sind die Leiser Berge mit dem Buschberg zu erkennen, im Südwesten die Groß Tajaxer Kirche, das Joslowitzer Schloss und der Buchberg bei Mailberg im Weinviertel, im Westen die Gegend bei Znaim zu sehen. Im Norden sehen wir höher gelegene Weingärten.
Das Dorf umgab fruchtbare Ackerböden, Wiesen, Wäldchen und die Thaya-Auen. Die Thaya durchfließt in einer Länge von 5,5 km das Gemeindgebiet. Die Regulierung erfolgte 1831. Es war herrlich darin zu baden und der Fischreichtum bescherte willkommene Abwechslung in der sonst deftigen Küche. Aber es gab auch reichlich Wild. Die Jahresabschußzahlen ergaben oft mehr als 1.000 Hasen, 300 Rebhühner, 200 Fasane und 100 Wildenten. Rotwild war eher selten. Das Klima war mild. Es gab oft heiße Sommer (1904 - 51°) und milde Winter. Ausnahmen gab es natürlich auch wie 1929. Damals hatte es minus 28°.
Das Dorf hatte wechselnde Besitzer, “Herrschaften” genannt. Von den Grafen Hardegg bis zu den Althan und dem Geschlecht der Khuen.Unter den kriegerischen Zeiten wie Hussitenkriege, 30jähriger Krieg und Napoleon mit all den Verheerungen, Verwüstungen, Brandschatzung und Plünderungen hatte Grafendorf ebenso zu leiden wie viele andere Orte auch. Aus dieser Zeit führen wahrscheinlich auch die Erdställe die man in Grafendorf gefunden hat. Mit ihrer Zähigkeit schafften die Altvorderen jedoch im Laufe der Jahrhunderte ein blühendes Dorf.

Grafendorf
Aufnahme von 1990
(gleiches Motiv von Grafendorf)
Die Gemeinde nannte ihr eigen: Ein Gemeindegasthaus, eine Gemeindeschmiede, ein Hirtenhaus (auch Halterhaus genannt), ein Isolierhaus (zum Zwecke der Quarantäne bei Epedemien) sowie ein Hebammenhaus. Und natürlich eine 4-klassige Volksschule mit Turnsaal und ein freistehendes, schmuckes sich schön in das Dorfbild einfügendes Rathaus. Als Besonderheit ist auch das “Brünndl” zu erwähnen. Dies war ein schöner Platz inmitten von Weingärten und Akazien. In einem aufgeschütteten Hügel (manche behaupteten, es sei ein Tumulsus) befand sich eine Grotte mit einer Marien - Statue. Auf dem Hügel ein großes Kreuz. Um den Hügel herum ein Kreuzweg mit den 14 Stationen. Etwas abseits eine Kapelle. Dazwischen ein Brunnen, dem man nachsagte, dass er heilkräftiges Wasser enthalte. Es kamen zum Brünndl auch Wallfahrer aus den umliegenden Orten.
Vom Gemeinsinn der Grafendorfer zeugt auch das vielfältige Vereinsleben. Da gab es: Die freiwillige Feuerwehr. Den Unterstützungsverein der gedienten Soldaten. Den landwirtschaftlichen Konsumverein “Concordia”. Den Ortsviehversicherungsverein. Den Bienenzuchtverein. Die Milchgenossenschaft. Die Deutsche Jugendfürsorge. Den Deutschen Turnverein. Den Fischereiverein. Den Verschönerungsverein. Den Kindergartenverein. Den Deutschen Kulturverband. den Volksbund deutscher Katholiken. Den Katholischen deutschen Mädchenbund und Jugendbund. Die Jugendbünde widmeten sich Theateraufführungen und spielten vom “Meineidbauer” bis zu “Leiden Christi.”
Wenn auch die Bevölkerung hauptsächlich von der Landwirtschaft lebte - es wuchs ja alles prächtig, von den Feldfrüchten bis zum Gemüse, Obst und Wein - gab es doch auch eine erhebliche Anzahl von Handwerkern aller Berufe, so wie Bäcker , Fleischhauer und Gemischtwarenhandlungen. Nach und nach entwickelten sich auch Nebenerwerbsbauern durch die Teilbarkeit der Felder bei Heirat. (Was ursprünglich nicht der Fall war.)
Nebenerwerb gab es bei Eisenbahn, in der Zuckerfabrik, am Ringofen (Ziegelofen) und auf den Meierhöfen, sowie als Pendler in Znaim. Stark eingeschränkt wurde der Nebenerwerb durch die Tschechisierung. Z.B. gab es 1922 den letzten deutschen Postmeister. Die deutschen Eisenbahner wurden zum größten Teil abgebaut und durch Tschechen ersetzt.
Im Dezember 1937 gab es in Grafendorf 93 Arbeitslose. Dies war auch die Folge der Zwangseingliederung von 1918 in das Kunstgebilde “Tschechoslowakei” die Grafendorf wie das übrige Südmähren und das Sudetenland über sich ergehen lassen mußte. Die 1698 erbaute und 1760 umgebaute, dem hl.Anton von Padua geweihte Kirche wurde mit den Bewohnern unseres Zwillingsdorfes Schönau gemeinsam besucht. Schönau hatte ebenfalls 400 Häuser und war von Grafendorf nur durch einen Schienenstrang getrennt. Ebenso hatten wir das Postamt gemeinsam. 1940 wurden die beiden Orte unter dem Namen “Schöngrafenau” zusammengelegt.
Um das Bild abzurunden, muss aber auch festgehalten werden, wie im alltäglichen Umgang miteinander gesprochen wurde. Es war die “ui -Mundart”. Nicht Kuh und nicht Kuah sondern “kuih”, Muida, Bluit, guit usw. Diese Sprechweise war in ganz Südmähren sowie im Weinviertel, Waldviertel Burgenland und Teilen der Steiermark verbreitet.
Die Grafendorfer, wie alle Südmährer ein lebensfrohes und arbeitsames Völkchen konnten sich aber dem großen Geschehen nicht entziehen und so mussten auch sie in den beiden Weltkriegen einen hohen Blutzoll entrichten. Im ersten Weltkrieg 45 Opfer, im zweiten Weltkrieg waren es 58 Gefallene und 24 Vermißte.
Mit der Besetzung durch Sowjetsoldaten am 8. Mai 1945 war auch der Krieg zu Ende. Die Sowjetsoldaten wurden nach kurzer Zeit duch Tschechen und Slowaken als Verwaltungskommissare für Haus und Hof der Deutschen ersetzt.
Ab August 1945 waren Grafendorfer und Schönauer Familien gezwungen ins benachbarte Niederösterreich zu flüchten. Nur mit der Flucht konnten sie der Deportatierung ins Lager Znaim, wo zwei Grafendorfer und vier Schönauer Bewöhner durch Misshandlungen zu Tode gekommen sind, entgehen. Bis 1946 hatte der Großteil der deutschen Bewohner die Heimat verlassen. Der verbliebene Rest wurde mit Transportzügen nach Westen “umgesiedelt”. Sie fanden in Österreich und vereinzelt in Übersee ein neues Zuhause. 1948 kam es zu einem ersten Zusammentreffen der verstreuten Landsleute in Kornwestheim. Spontan wurde beschlossen im nächsten Jahr die Zusammenkunft zu wiederholen.
Kornwestheim eine wichtige Eisenbahnerstadt und zusätzlich noch zentral gelegen, bot sich dafür an. Seit dieser Zeit findet alljährlich an einem Sonntag im Juni das “Antonifest” zur Erinnerung an den Kirchenpatron der Heimatkirche statt. 1985 hat die Stadt Kornwestheim die Patenschaft für die südmährische Dorfgemeinschaft Grafendorf-Schönau übernommen.